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Stefan Buchen: Die neuen Staatsfeinde : Vor dem Krieg fliehen

Ein syrisches Kind am 8. März 2014 in einem Flüchtlingslager in Jordanien Bild: Reuters

Stefan Buchen erzählt von einem in Essen lebenden syrischen Christen, der schon 270 Flüchtlinge nach Deutschland geschleust hat.

          Zwei Blicke gibt es auf den wachsenden Strom von Flüchtlingen, die in der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit aus Ländern fliehen, in denen der Krieg Existenzen zerstört: Der eine stellt das Elend der Flüchtlinge in den Vordergrund, der andere die Ängste in den Aufnahmeländern. Stefan Buchen, Reporter beim ARD-Politikmagazin „Panorama“, bekennt sich bereits mit dem provozierenden Titel seines Buches „Die neuen Staatsfeinde“ zur ersten Perspektive. Er schildert mit großer Sympathie den Fall eines seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden und gut integrierten syrischen Christen, der auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Ein Essener Gericht hat ihn für schuldig befunden, seit dem Beginn des Kriegs in Syrien 270 Syrer illegal nach Deutschland geschleust zu haben. Buchen hält der Justiz entgegen, dass Migrationspolitik in Kriegszeiten kein Teil der Sicherheitspolitik sein dürfe. Vorrang müsse haben, bedrohte Menschenleben zu retten. Werden Grenzen hermetisch abgeriegelt, vertrauen sich die verzweifelten Fliehenden dubiosen Schleusern an.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Buchens Held ist kein profitgieriger gewerbsmäßiger Schleuser. Der unbescholtene Bauingenieur Hanna - das ist die arabische Form von Johannes - stammt aus Malikiyah, einer überwiegend von Christen bewohnten Stadt in der Nähe zur Türkei. Im Orient ist es üblich, dass man sich zunächst an Menschen aus der eigenen Stadt oder deren Umgebung wendet, weil man sie kennt und ihnen vertraut. So war es auch bei Hanna. Er organisierte die Flucht von 270 syrischen Staatsbürgern, und dabei entstand ein kleines landsmannschaftliches Netzwerk, das Verwandte und Nachbarn aus Syrien herausschaffte. Hanna, Bauingenieur aus Essen, erhob für seine Dienstleistung eine Kommission von 3 bis 5 Prozent. Die Lektüre lässt den - zutreffenden - Schluss zu, dass Menschenschmuggel oft nicht bandenmäßig als große organisierte Kriminalität betrieben wird, sondern in kleinen Netzwerken. Die Polizei hatte Hanna viele Monate überwacht, bevor sie ein grotesk massives Aufgebot einsetzte und einen angeblich großen Erfolg mit der Zerschlagung einer vermeintlich internationalen Schleuserbande verkündete. Selbst wenn man Buchens Forderung, aus Kriegsländern einen unbegrenzten Zuzug von Flüchtlingen zuzulassen, nicht teilt, verschlägt es einem doch die Sprache, wie einfältig die ermittelnden Polizisten vorgegangen sind und wie sie, auf der Grundlage billiger Vorurteile, dem Beobachteten grundsätzlich die niedrigsten Motive unterstellt haben. Zu den Vorzügen des Buchs zählt, dass es den gesättigten Wohlstandbürgern, die sich das Leid nicht mehr vorstellen können, klarmacht, was es heißt, plötzlich Opfer eines Krieges zu sein. Andererseits blendet der Autor die politischen und wirtschaftlichen Kosten einer ungeregelten Zuwanderung aus. Er geht auch nicht der Frage nach, wie Deutschland mit den wachsenden Flüchtlingsströmen umgehen soll.

          Stefan Buchen: Die neuen Staatsfeinde. Wie die Helfer syrischer Kriegsflüchtlinge in Deutschland kriminalisiert werden. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2014. 200 S., 14,80 €.

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