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Starker Mann? : Architekt ohne Bauplan

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Gorbatschow wird von Boris Jelzin nach dem Putsch im August 1991 öffentlich vorgeführt Bild: AFP

Als er an die Macht kam, tat er sein Bestes. Aber Michail Gorbatschow konnte „seine“ Sowjetunion nicht retten.

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          Nachdem die Entscheidung im Politbüro gefallen war, schlug Außenminister Andrei Gromyko am 11. März 1985 dem Zentralkomitee Michail Gorbatschow als neuen Generalsekretär vor: Er verfüge über „enorme Erfahrung“, sei ein „Mann mit Prinzipien und Überzeugungen“ und könne mit seinem „scharfen, analytischen Verstand selbst die schwierigsten innen- und außenpolitischen Themen erfassen“. Als er Gorbatschows Namen zum ersten Mal nannte, so erinnerte sich Anatoli Tschernjajew, der nachmals engste Berater Gorbatschows, „brach im Saal ein Beifallssturm los, lauter noch als bei Andropows Wahl und kein Vergleich zu dem widerwilligen Applaus, der auf Tschernenkos folgte. Die Ovationen schwollen wellenförmig an und ließen lange Zeit nicht nach.“

          Schon in seiner Antrittsrede versprach der neue, erst 54 Jahre alte Generalsekretär, sich um „Demokratisierung“, „Transparenz“ und bessere Beziehungen zum Westen zu bemühen. Er wollte das Land verändern, da waren sich seine Berater im Rückblick einig, doch eine eigentliche Reformagenda, gar detaillierte Pläne hatte er nicht. Schon das Wort „Reform“ wäre der Mehrheit des Politbüros eher unangenehm aufgestoßen. Sein späterer Wirtschaftsberater Nikolai Petrakow bezweifelte, ob der Neue überhaupt wusste, wie schlecht die Lage wirklich war, hätten doch seine Vorgänger die „düsteren Statistiken“ sorgfältig unter Verschluss gehalten. Die im April versprochene „Beschleunigung der sozialen und ökonomischen Entwicklung“ war mit mehr Ordnung und Disziplin, weniger Schlendrian und Alkoholkonsum allein nicht zu erreichen, und die Rhetorik des neuen Parteiprogramms (vom Februar 1986) noch immer von den konfrontativen Vorstellungen des „Ein- und Überholens“ geprägt. Erst die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 leitete ein Umdenken ein.

          Was sich allerdings von Anfang an dramatisch änderte, war der Führungsstil. Gorbatschow legte Wert darauf, wie Tschernjajew in sein Tagebuch notierte, dass die Probleme im Politbüro wirklich diskutiert und Entscheidungen nicht einfach „gehorsamst gebilligt“ wurden; er entdeckte das Fernsehen und die Medien für sich und präsentierte sich als der neue, volksnahe, charismatische Führer. Er pflegte diesen Stil auch bei seinen Auslandsreisen, suchte auch dort das Bad in der Menge, als vertrauensbildende Maßnahme und Sympathiewerbung für sein „Neues Denken“ in der Außenpolitik, das die ideologischen Denkbarrieren des Kalten Krieges überwinden, verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und für ein Miteinander werben sollte. Seine Politik war erfolgreich: Nach mehreren Gipfeltreffen mit Ronald Reagan wurde im Dezember 1987 ein Vertrag über die Vernichtung aller Flugkörper mittlerer Reichweite und ein Produktionsverbot dieser Waffen zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion im Weißen Haus unterzeichnet.

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