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Städtepartnerschaften : Europas solider Unterbau

Am Ortseingang von Langebrück weist dieses Schild auf die Partnergemeinde hin. Bild: Sylvia Gebauer

Einst schufen sie die Grundlage für ein vereintes Europa. Haben Städtepartnerschaften noch eine Zukunft?

          3 Min.

          Es ist ein engmaschiges Netz von Städtepartnerschaften, das sich bis heute über ganz Europa spannt. An den Ortseingängen steht, welche Partnerschaften die jeweiligen Kommunen pflegen, und häufig auch, wie weit der Weg bis in die Partnerstadt ist. Man könnte fast glauben, die gut sichtbaren Schilder seien notwendig, damit die Partnerschaften nicht gänzlich in Vergessenheit geraten. Der vorliegende Sammelband will zeigen, welche Bedeutung Städtepartnerschaften für die europäische Einigung nach 1945 hatten. Dabei ist es vor allem Deutschland gewesen, das mit ihrer Hilfe seine neue Rolle zu finden versuchte.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Das deutsche Ludwigsburg in Baden-Württemberg wollte schon Anfang der fünfziger Jahre mit dem französischen Montbéliard in der Bourgogne eine Partnerschaft aufbauen, während die Franzosen aber über Jahre sehr zurückhaltend blieben. Sie stimmten zunächst nur einem kulturellen Austausch zu, erst 1962 kam es zwischen beiden Städten zu einer der ersten Partnerschaften. Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage und der späteren Kriegsverbrecherprozesse, suchte früh den Kontakt zu italienischen und französischen Städten, um sich als weltoffen zu präsentieren und das durch die nationalsozialistische Vergangenheit ramponierte eigene Image aufzubessern.

          Das sind nur zwei von vielen kleinen Geschichten über Anbahnungsversuche und Verstimmungen zwischen Kommunen, die in diesem Band versammelt werden. Andreas Langenohl spricht in seinem Beitrag vom „unwahrscheinlichen Erfolg der Städtepartnerschaften“ nach dem Zweiten Weltkrieg, die es schon vor dem ersten europäischen Vertrag, vor der Montanunion, gab. Auf der Basis von 70 Leitfadeninterviews mit jenen, die an der Anbahnung und dem Abschluss von Partnerschaften beteiligt waren, versucht Langenohl die Wirkungen abzuleiten, die die Partnerschaften auf die lokale politische Kultur hatten. Zwei dieser Effekte schildert er anschaulich: Zu den gegenseitigen Besuchen zählte auch, dass sich Hunderte Bürger auf dem Marktplatz versammelten, um mehrere volle Reisebusse mit ankommenden Franzosen zu begrüßen. Die Freundschaft der Kommunen wurde also für die Einzelnen erfahrbar, manifestiert durch eine Großveranstaltung. Als anderen Effekt nennt Langenohl das Dekonstruieren von Länderklischees: Zwei Frauen, die den Austausch mit einer polnischen Stadt aufbauen wollten, schilderten ihm, dass anfangs viele nicht nach Polen fahren wollten, weil sie überzeugt waren, dort ausgeraubt zu werden. Erst mit der Zeit nahm das ab.

          Die große Politik hat schon früh die besondere Bedeutung der Partnerschaften im Rahmen der europäischen Einigung beschworen. Außenminister Willy Brandt sagte 1967, Europa dürfe nicht von oben gebaut werden, es brauche einen „soliden Unterbau“, zitiert ihn der Historiker Claus W. Schäfer. Er führt auch einen Zustandsbericht des Bundestages aus dem Jahr 1990 an, in dem es hieß: „Durch sie (Partnerschaften) wird Europa in der konkreten Wirklichkeit unserer Städte, Gemeinden und Kreise erlebbar und fassbar gemacht.“ Schäfer zeigt jedoch, dass die kommunalen Kontakte die Außen- und Europapolitik der Bundesrepublik letztlich wenig beeinflusst haben, dass sie ebenso wenig instrumentalisiert wurden – und meist auch erst dann mit Leben erfüllt wurden, als es bereits ein zwischenstaatliches Verhältnis gab. Insgesamt wurde demnach die Bedeutung der Städtepartnerschaften aufgrund der politischen Überhöhung überschätzt. Die „Diplomatie von unten“, von der in diesem Zusammenhang gerne gesprochen wird, ist also viel mehr ein Instrument der Völkerverständigung als die Vorbereitung zwischenstaatlicher Beziehungen.

          Andererseits sollte der Stellenwert dieser Form der Annäherung rückblickend nicht kleingeredet werden. Wie Jean-Christophe Meyer am Beispiel deutsch-französischer Partnerschaften zeigt, haben diese zur Aussöhnung zwischen beiden Staaten beigetragen. In welchem Maße das allerdings geschehen sei, das gesteht Meyer ein, lasse sich nur schwer quantifizieren. Interessant ist aber, dass beim deutsch-französischen Austausch der Rhein eine „wahre Grenze“ bilde. Denn die naheliegende Erkenntnis lautet: Wo der Weg in die Partnerstädte nicht so weit ist, sieht man sich häufiger, und da fällt auch der wichtige Jugendaustausch leichter. All jenen Städten, die weiter voneinander entfernt sind, fehlt oft das Geld für die Reisen. Wie kann der sprachliche und kulturelle Austausch also auch finanziell mehr gestärkt werden? Seit 1989 fördert die Europäische Union auch finanziell kommunale Partnerschaften – allerdings nicht um ihrer selbst willen. Es müssen konkrete Projekte in Brüssel eingereicht werden. Das aber ist für die Kommunen, wie im Sammelband detailliert beschrieben wird, mit hohem Aufwand verbunden, die Aussicht auf Erfolg ist begrenzt.

          Braucht es diese auf Verträgen und dem Engagement kommunaler Würdenträger fußenden Konstrukte in Zeiten des Easyjetsets noch? Wie verhindert man, dass die Partnerschaften zwar formal weiterbestehen, aber nicht zu einer „trivialisierten, zur Folklore entarteten Städtepartnerschaft“ werden? Und letztlich: Für welche Form der Völkerverständigung ließen sich auch jüngere Menschen begeistern? All diese Fragen beantwortet der Sammelband nicht, aber er zeigt umfang- und facettenreich, wie wichtig Städtepartnerschaften einmal waren.

          Corine Defrance, Tanja Herrmann und Pia Nordblom (Hrsg.): Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert. Wallstein Verlag, Göttingen 2020. 359 S., 24,90 .

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