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Srinath Raghavan: „1971“ : Massive genozidale Gewalt

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Eine „menschliche“ Flagge von Bangladesch am 16. Dezember 2013 in Dhaka. Bild: REUTERS

Bangladescher, Inder und Pakistani suchten 1971 nicht allein die Regierungen anderer Staaten, sondern zudem die internationale Öffentlichkeit über ihre Anliegen zu informieren und für ihre Sache zu gewinnen.

          Was verbindet Henry Kissinger, Indira Gandhi, George Harrison und Allen Ginsberg? Sie alle waren im Jahre 1971 Protagonisten in der Geschichte eines Krieges auf dem indischen Subkontinent, der zur Gründung von Bangladesch führte, dem ehemaligen Ostteil Pakistans und bis heute eines der ärmsten Länder der Erde. Dieser Konflikt, argumentiert Srinath Raghavan, war das Resultat von „Konjunktur und Kontingenz, von Wahl und Zufall“ und sei überdies ohne den größeren internationalen Kontext der Zeit nicht verständlich: Dekolonisation, der Kalte Krieg und die einsetzende Globalisierung konstituierten wichtige Faktoren für die Bangladesch-Krise. Der Autor möchte damit der weitverbreiteten These entgegentreten, die spezifische politische, kulturelle und geographische Struktur Pakistans habe gleichsam zwangsläufig zur Desintegration des Landes und zur Abspaltung Bangladeschs geführt, eine Struktur, die Salman Rushdie in seinem Roman „Scham und Schande“ mit beißendem Humor beschrieben hat: „Dieser phantastische Vogel, zwei Flügel ohne einen Körper, gebrochen durch die Landmasse seines größten Feindes, nur durch Gott vereint.“

          Raghavan stellt die Bedeutung dieser Struktur nicht in Frage, betont jedoch, „dass die Dinge sich nicht so entwickeln mussten, wie sie es taten“. Den zentralen Akteuren des Krieges standen, wie er zeigt, zu verschiedenen Zeitpunkten jeweils eine Reihe von Optionen zur Verfügung, die sie manchmal sorgfältig abwogen, nicht selten aber ignorierten oder rasch verwarfen. Und auch die globale Perspektive sei nicht einfach das Produkt der Einbildungskraft von Historikern. Schon die Protagonisten auf dem Subkontinent waren sich der internationalen und transnationalen Dimension des Konflikts nur zu gut bewusst. Bangladescher, Inder und Pakistani suchten nicht allein die Regierungen anderer Staaten, sondern zudem die internationale Öffentlichkeit über ihre Anliegen zu informieren und für ihre Sache zu gewinnen. Den Wettbewerb um die Weltmeinung zu gewinnen, schreibt der Autor, war mindestens ebenso wichtig wie den Konflikt militärisch für sich zu entscheiden.

          Für große internationale Aufmerksamkeit sorgte die massive genozidale Gewalt, mit der die westpakistanische Armee ab Ende März 1971 gegen die ostpakistanische bengalische Autonomiebewegung vorging. Bangladescher sprachen von Völkermord und fanden Unterstützung bei der indischen Regierung, die die Vorgänge als „grausames und mittelalterliches Gemetzel“ und als „geplantes Blutbad und systematischen Völkermord“ geißelte. Die Opfer der Militärs waren Studenten, Intellektuelle, Akademiker und - wie ein amerikanischer Journalist berichtete - „andere Personen, denen Führungspotential zugesprochen wurde - unabhängig davon, ob sie direkt mit den Nationalisten zu tun hatten oder nicht.“ Überdies wurden ganze Dörfer dem Erdboden gleichgemacht, es kam zu Massenvergewaltigungen von ostbengalischen Frauen. Ein Massenexodus von Flüchtlingen setzte ein, die vor allem in Indiens armen Ostprovinzen Zuflucht suchten.

          Allen Ginsberg, Dichter der Beat-Generation und Veteran unter westlichen Indien-Reisenden, besuchte im September 1971 die Flüchtlingscamps an der pakistanisch-indischen Grenze. Sein zwei Monate darauf in der New York Times publiziertes Gedicht „September on Jessore Road“ thematisierte eindringlich den Marsch der Flüchtlinge nach Kalkutta, Schmutz und Elend der Lager, die Kinder mit aufgeblähten Bäuchen in der Essensschlange und die Säuglinge, die an der Ruhr starben. In der nordamerikanischen Öffentlichkeit mehrte sich Kritik an der Apathie der Washingtoner Regierung gegenüber dieser humanitären Katastrophe. Offenbar sei Washington, wie Ginsberg eine verbreitete Meinung in seinem Gedicht ausdrückte, zu sehr damit beschäftigt, „Nord-Laos zu bombardieren“ und „Nordvietnam mit Napalm zu verseuchen“. Am stärksten ins globale Bewusstsein rückte Bangladesch jedoch durch ein Konzert, das der Ex-Beatle George Harrison und der berühmte indische Musiker Pandit Ravi Shankar zur Unterstützung der Flüchtlinge im New Yorker Madison Square Garden veranstalteten. Aber auch zahlreiche humanitäre Organisationen, allen voran Oxfam, engagierten sich für die Opfer der Gewalt in Südasien.

          Raghavan schreibt über die internationale Solidarität für Bangladesch informativ und mit viel Liebe zum Detail. So erfahren wir etwa, dass der von Drogen benebelte Eric Clapton während seines Auftritts beim Konzert für Bangladesch kaum die Augen offen halten konnte, gleichwohl wie immer genial spielte. Und kommen in den Genuss einer kleinen Hommage an die Sängerin Joan Baez, deren „Song for Bangladesh“ international ebenfalls große Aufmerksamkeit erfuhr. Im Mittelpunkt der Darstellung steht jedoch die große Politik. Der Autor zeichnet detailliert die Haltungen der indischen, sowjetischen, amerikanischen und chinesischen Regierungen sowie die Debatten im Umfeld der Vereinten Nationen nach und entwirrt gekonnt das Geflecht von Interessen und strategischen Manövern und ihren gelegentlich unbeabsichtigten Folgen. Am Ende sicherte sich die indische Regierung unter Indira Gandhi die Unterstützung der Sowjetunion und griff militärisch in den Konflikt ein. Am 16. Dezember 1971 kapitulierte die (west-)pakistanische Armee, und Bangladesch erklärte seine Unabhängigkeit.

          Nach über vier Jahrzehnten prägt das Jahr 1971 weiterhin die Gegenwart Bangladeschs. Im Mai 2013 wurde der Anführer der größten islamistischen Partei des Landes zum Tode verurteilt. Ein Sondertribunal sprach ihn wegen damaliger Kriegsverbrechen für schuldig. Die Bangladesch-Krise nahm darüber hinaus, schreibt Raghavan, viele Charakteristika späterer Konflikte vorweg. Dazu zählt er die Spannung zwischen nationaler Souveränität und der Durchsetzung von Menschenrechten, den häufigen Widerspruch zwischen Interessen und Normen sowie die Bedeutung von internationalen Medien, Nichtregierungsorganisationen und Diaspora-Gruppen. Sein exzellent geschriebenes Buch bietet einen guten Einstieg in ein wenig erforschtes Kapitel der Zeitgeschichte.

          Srinath Raghavan: „1971“. A Global History of the Creation of Bangladesh. Harvard University Press, Cambridge/Mass. 2013. 359 S., 21,70 €.

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