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Sprache : Die unheimliche Macht des Wortes

Bühne für das Unsägliche: Alexander Gauland 2017 bei „Hart aber fair“ Bild: dpa

Sprache ist ein wichtiges Mittel im politischen Kampf. Ein nützliches Nachschlagewerk über Rechtsextremismus und seine "Tatworte".

          5 Min.

          Rechtsextremisten werden in unserer Gesellschaft nicht nur verachtet und abgelehnt, sondern auf gewisse Weise auch bestaunt, weil kaum jemand versteht, wie ein psychisch gesunder Mensch dem Rechtsextremismus verfallen kann, wenn er auch nur ein einziges deutsches Geschichtsbuch gelesen hat. Auf der Suche nach einer Erklärung kann es passieren, dass Rechtsextremisten in ihrer Bösartigkeit überhöht werden. Sie gelten nicht einfach als moralische Simpel, sondern als grandiose Strategen des Bösen.

          Justus Bender
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sagt ein Rechtsextremist, was er denkt, und sei es ein noch so einfach gestricktes Argument, bestehend aus Xenophobie und Nationalchauvinismus, wird ihm oft ein immenses Verständnis für die Konsequenzen dieser Aussage unterstellt. Es heißt, er manipuliere das Publikum, gewöhne es an den Tabubruch. Es heißt, er sei zugleich ein moralischer Idiot, weil er eben die einfachsten Normen missachte, und ein strategisches Genie, zumindest den normalen, anständigen Menschen weit überlegen in seiner Demagogie.

          Diejenigen, die selbst dem stumpfesten Extremisten solche Fähigkeiten unterstellen, können von sich sagen, dass sie nicht nur die Unmoral des Extremismus durchschaut haben, sondern auch ein sehr komplexes Kalkül der Extremisten. Sie sind also nicht nur gute Menschen, sondern kluge Menschen, und sie sind in der Lage, Mittäter zu identifizieren, solche also, die dem Extremisten ein Forum bieten oder in seinem Netzwerk wie ein Trittbrett funktionieren. Das hebt sie hervor in einer demokratischen Gesellschaft, die das Zurückdrängen von Extremisten zu Recht als existenzielle Aufgabe sieht.

          Alle Menschen wären gern moralisch gut und klug und keineswegs naiv im Angesicht böser Extremisten. Es ist also nichts, das der eine dem anderen übelnehmen kann, ohne selbst schuldig zu sein im Sinne der Anklage. Wenn sich kluge und gute Menschen aber darin überbieten, überall Mittäter des Extremismus zu sehen, werden sie dadurch nicht automatisch immer klüger und besser. Irgendwann kippt das. Dann werden jene Werte relativiert, für die eigentlich gekämpft werden soll.

          Aus Worten werden Taten

          Dem Journalisten Michael Kraske gelingt dieser Balanceakt in seinem Buch „Tatworte“ nicht immer. Kraske hat ex­tremistische Äußerungen von AfD-Politikern, PEGIDA-Aktivisten und anderen Claqueuren dieser Sorte gesammelt. Seine These: Aus Worten werden Taten. „Generell wird öffentlich geäußerte Sprache als Träger von Ideologie und Orientierungshilfe für unser Handeln permanent unterschätzt“, schreibt er. Wer mit radikalen Sprüchen provoziert, spielt nicht nur mit Worten, sondern begünstigt Gewalt. Er erweitert die Grenzen des Sagbaren.

          So analysiert Kraske eine Äußerung wie Alexander Gaulands Hassrede gegen die damalige Staatsministerin Aydan Özoguz von der SPD. Gauland hatte in einer Wahlkampfrede im Eichsfeld über Özoguz gesagt: „Ladet sie mal ins Eichsfeld ein und sagt ihr dann, was spezifisch deutsche Kultur ist. Danach kommt sie hier nie wieder her, und wir werden sie dann auch Gott sei Dank in Anatolien entsorgen können.“ Geduldig erklärt Kraske bei dieser und jeder anderen Entgleisung, warum sie problematisch ist und was die Gesellschaft tun muss, um in solchen Momenten richtig zu reagieren. Im Fall von Gauland erklärt Kraske, dass die „Entsorgung“ natürlich „die Assoziation von menschlichem Müll“ weckt.

          Bild: Verlag

          Dann folgt der Rundumschlag. Kraske schreibt, der weitere Verlauf des Skandals sei „typisch für den Umgang mit von AfD-Politikern ausgesprochenen Schmähungen“. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein, weil das Gesagte nicht eindeutig als Gewaltaufruf interpretiert werden könne. Dann greift Kraske den ARD-Journalisten Frank Plasberg an, weil der sich an Gauland in seiner Sendung „Hart aber fair“ zwar 17 Minuten lang abgearbeitet habe, aber „unbeholfen“ gewesen sei, „ohne überzeugende Strategie, Haltung und Analyse“, ein „journalistischer Sündenfall“. Kraske diagnostiziert an vielen Stellen ein weitreichendes Versagen von Justiz, Medien und anderen gesellschaftlichen Akteuren, die mal als naiv, unbedarft oder schlicht unfähig dargestellt werden, der extremistischen Bedrohung zu begegnen.

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