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Soziale Verbundenheit : Was hält die Gesellschaft zusammen?

  • -Aktualisiert am

Projekt "Lichtblick" projiziert Bilder und Botschaften auf die Fassade von Schloss Bellevue. Bild: dpa

Nachdenken über eine solidarische Gesellschaft - während und nach der Pandemie.

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          Die Rede vom abnehmenden gesellschaftlichen Zusammenhalt ist gängige Münze und seit den neunziger Jahren Dauergegenstand soziologischer Analysen. Mit der Corona-Krise hat sie eine neue, ungeahnte Aktualität erfahren, und zwar in doppelter Hinsicht. Einerseits machen die auf physische Distanzierung, Abstandhalten und „zu Hause bleiben“ abzielenden Maßnahmen deutlich, wie wichtig diese Formen einer leibhaftigen Verbundenheit für die Menschen in Wahrheit sind. Und andererseits erfordert die erfolgreiche Bewältigung der Pandemie eine Stärkung der Solidarität gerade in den Bereichen, wo sie in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer brüchiger geworden ist – im Verhältnis der jungen und älteren Generationen und zwischen den Profiteuren und Benachteiligten der wirtschaftlichen Entwicklung.

          Für den Bonner Theologen Frank Vogelsang ist Solidarität ein Ausdruck „sozialer Verbundenheit“. In seinem schon vor der Corona-Krise fertiggestellten gleichnamigen Buch erinnert er daran, dass der Mensch nicht zuerst ein Individuum ist, sondern ein mit anderen Menschen und seiner Umwelt verbundenes soziales Wesen. Diese Grundtatsache werde durch den „hegemonialen Diskurs der Spätmoderne“ verdrängt, der sich ganz dem Individuum und seiner Selbstentfaltung verschrieben und in der Folge die politische Gestaltung der Gesellschaft den Imperativen sowohl der Gegenwart als auch des Marktes unterworfen habe.

          Durch diese Einstellung geht nach der Auffassung des Autors der Sinn von sozialer Verbundenheit verloren, der Verbundenheit der Menschen untereinander ebenso wie der Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit, aber auch auf die Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Welt lebe von der Hoffnung, dass in und durch die Geschichte gesellschaftlicher Fortschritt möglich sei. Solche starken Bilder von der Zukunft gebe es heute nicht mehr.

          Bei der Analyse schließt der Autor an die bekannten soziologischen Deutungen an, ohne bei ihnen stehen zu bleiben. Jahrhundertelang habe die Individualisierung eine positive, freiheitssichernde und -erhaltende Funktion gehabt. Im Übergang von der Moderne zur Postmoderne träten ihre Schattenseiten nun immer stärker hervor. Je mehr das Individuum in den Vordergrund gerückt sei, umso rascher und nachhaltiger erodierten die gemeinschaftlichen Strukturen. Die Ursachen dafür werden in der neoliberalen Wende der Wirtschaftspolitik, dem technologischen und Medienwandel sowie der Diskreditierung eines möglichen sozialistischen Gegenentwurfs nach dem Untergang des Kommunismus ausgemacht. Sinnbildlich für den Verlust an Gemeinschaftlichkeit stehe der Niedergang von Gewerkschaften, Kirchen und Parteien, auch Vereine und Verbände verlören an Bedeutung. Die Folge sei ein Verlust an sozialem und politischem Vertrauen, der sich in populistischen Bewegungen und einer wachsenden Labilität der demokratischen Systeme niederschlage.

          Den soziologischen Deutungen, die dem Individualisierungsparadigma verhaftet bleiben, setzt Vogelsang ein radikaleres Verständnis von Verbundenheit entgegen, das von der Leiblichkeit des Menschen ausgeht. Kronzeuge seiner Überlegungen ist der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty, ein Mitstreiter Sartres nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer leiblich existiere, sei immer schon verbunden, etwa durch Nahrung, Luft- und Wärmeaustausch, aber auch durch Sprache und Kultur. Der Autor bezeichnet dies als „existenzielle“ Verbundenheit, die sich immer wieder und überraschend zeige. Dies sei der Grund, warum man – wie jetzt in der Corona-Krise – auch in einer hochindividualisierten Gesellschaft glaubt, jederzeit an die Solidarität appellieren zu können. Für einen dauerhaft stabilen Zusammenhalt der Gesellschaft reiche das aber nicht aus; dieser erfordere langfristig tragfähige „Formen der Verbundenheit“, wie sie vor dem Durchbruch des hegemonialen individualistischen Zeitgeistes noch weithin existiert hätten.

          Im zweiten Teil des Buches werden solche Formen der Verbundenheit in einem ideen- und realgeschichtlichen Streifzug untersucht. Neben den klassischen ideenpolitischen Strömungen des 19. Jahrhunderts, dem konservativen, progressiven und bürgerlich-liberalen Denken, kommen dabei – für einen Theologen nicht verwunderlich – auch die christlichen Formen der Verbundenheit als eigenständige Ansätze zur Sprache, die sich weder dem konservativen noch dem progressiven Diskurs zuordnen ließen.

          Der historische Rückblick macht deutlich, dass Formen der Verbundenheit, so notwendig sie für eine Rückgewinnung sozialen und politischen Vertrauens wären, nicht einfach neu erfunden werden können. Sie brauchen es auch nicht, weil die vorhandenen Formen – die progressiven und christlichen ebenso wie die konservativen – auch unter den heutigen Bedingungen genügend Potential haben, Diskursmacht zurückzugewinnen. Dabei können sie an ihre bestehenden organisatorischen Strukturen anknüpfen.

          Auch bei der Frage, welche neuen Formen der Verbundenheit vorstellbar sind und wie eine solidarischere Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte, hält sich das Buch nicht bedeckt, wenngleich die Überlegungen hier zwangsläufig eher vage ausfallen. Nach Ansicht des Autors werden sich diese neuen Formen als „hybride“ Netzwerke ausbreiten, die sowohl durch digitale Kommunikation als auch durch lokale Bindungen geprägt sind. Letzteres ist schon deshalb wichtig, weil längerfristige Formen von Verbundenheit stets von Narrativen leben, von gemeinsamen Erinnerungen, die Personen und wiedererkennbare Orte brauchen.

          Welche Rolle der Staat spielen könnte, um Verbundenheit zu organisieren, kommt in den Ausführungen zu kurz. Der Autor konzentriert sich eher auf das, was dieser – frei nach Böckenförde – selbst nicht aus eigener Kraft erzeugen kann oder – frei nach Marx – als Gesellschaft vorfindet. Die Verknüpfung von empirienaher Problembeschreibung und sozialphilosophischer Analyse macht dabei den Reiz der nicht immer leichten, aber dennoch lohnenden Lektüre aus.

          Frank Vogelsang: Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne.

          Verlag Karl Alber, Freiburg 2020. 236 S., 32,– .

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