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Soldat für den Frieden : Der Friedenssucher

Rabin und Palästinenserführer Arafat reichen sich 1993 die Hände Bild: Imago

Er bescherte dem Nahen Osten zumindest einen Moment der Hoffnung. Eine Biographie über Jitzhak Rabin.

          5 Min.

          Die Ermordung Jitzhak Rabins jährt sich mittlerweile zum fünfundzwanzigsten Mal. Mit der Zeit wird der damalige Ministerpräsident zunehmend verklärt, während er unter manchen Israelis immer noch verhasst ist. Ein nüchterner Blick auf Rabins Wirken und seine Zeit tut auch heute not. Es war die Epoche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, was auch für Israel wirkmächtige Folgen hatte: Das syrische Regime erhielt keine Rüstungshilfen mehr aus Moskau, der Einfluss sowjetischer Militärberater in Saddam Husseins Irak nahm ab, während Amerika den Golfkrieg gewann und Bagdad erheblich schwächte. Aus dem postsowjetischen Raum wanderten Hunderttausende oft gut ausgebildete Juden nach Israel ein. Rabin erkannte die strategische Chance: Anstatt wie bisher massive Staatsmittel für die Siedlungen und ihren Schutz in den besetzten palästinensischen Gebieten aufzuwenden, wollte er mit dem Geld lieber mit der Einwanderungswelle fertig werden. Und er wollte es lieber in den Aufbau eines High-tech-Sektors in Israel stecken, dem die russischen Ingenieure gelegen kamen, als in die militärische Herrschaft über eine andere Nation.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Es waren also nicht nur die Erfahrungen aus der von ihm als Verteidigungsminister brutal niedergeschlagenen ersten Intifada, sondern auch diese strategischen Erwägungen, die Rabin dazu brachten, Frieden mit den Palästinensern zu suchen. Dass der dafür von einem jüdischen Extremisten ermordete israelische Ministerpräsident heute manchmal als menschliche Friedenstaube verklärt wird, brachte einst sogar Henry Kissinger in Wallung: „Jitzhak war doch kein Blumenkind.“ Das war Rabin nicht, aber als historische Figur prägt er Israels Geschichte, weil er zeigte, was möglich war und wäre.

          Mit Itamar Rabinovich hat ein an den Verhandlungen beteiligter Weggefährte eine lesenswerte und präzise Biographie vorgelegt, die Rabins Leben in einen realistischen Kontext bettet und einen nüchternen Mann beschreibt. Jetzt liegt sie auch auf Deutsch vor. Rabinovich diente Rabin als Botschafter in Washington und verhandelte mit Syrien über einen Frieden – eine Stoßrichtung, der Rabin zunächst größere Chancen beimaß als einer Übereinkunft mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation.

          Rabinovich, später Professor für Nahostgeschichte in Tel Aviv, beschreibt Rabin als einen Politiker der Mitte, dem es zuallererst um Israels Sicherheit ging, die für ihn „untrennbar verknüpft mit dem Streben nach Frieden“ gewesen sei. Rabin war zu schmerzhaften Zugeständnissen an die Araber bereit, auch um die Staatswerdung Israels zu vollenden, internationale Legitimität zu erlangen und Grenzen abzustecken, was bis heute nicht endgültig passiert ist. All dies sei aus den Augen eines Militärs geschehen, der Rabin lange war, der sich bis zum Schluss im Tel Aviver Militärhauptquartier lieber aufhielt als im Ministerpräsidentenbüro in Jerusalem. Im Umgang mit Zivilisten sei Rabin unbeholfen gewesen, unter Soldaten habe er sich wohler gefühlt.

          Rabin war ein herausragender Vertreter der alten Elite Israels, deren Einfluss heute langsam schwindet. Rabinovich zeichnet das Bild des im Lande geborenen Israelis, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs, in der zionistischen Arbeiterbewegung sozialisiert wurde und zeit seines Lebens ausgewiesen säkular blieb. Den Kampf um die Unabhängigkeit 1948, die Rabin als Anführer der paramilitärischen Palmach erlebte, nennt er „das prägendste Erlebnis in Rabins Leben“. Am Aufbau der Streitkräfte hatte Rabin entscheidenden Anteil und setzte sich für Israels Nuklearprogramm ein, 1964 wurde er Generalstabschef. Rabins Verständnis von nationaler Sicherheit sei im Kern defensiv gewesen. Er glaubte an Abschreckung, nicht an präventive Militäreinsätze. Im Kriegsfall jedoch gelte es, die Gefechte rasch auf das Gebiet des Gegners zu tragen.

          Als Ägypten 1967 jedoch seine Truppen auf dem Sinai konzentrierte, die Straße von Tiran im Roten Meer für israelische Schiffe schloss und Israel diplomatisch weitgehend allein dastand, warb Rabin für einen präventiven Krieg, im Gegensatz zum zögerlicheren damaligen Ministerpräsidenten Levi Eschkol. Und so spielte ausgerechnet Rabin eine bedeutende Rolle bei der Eroberung des palästinensischen Westjordanlandes. Im Streit über dieses Thema sollte er Jahrzehnte später ermordet werden.

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