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Sinti im 20. Jahrhundert : Die Ausgrenzer blieben im Dienst

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Polizeiliches Registrierung Zillis Reichmanns nach ihrer Verhaftung in Straßburg am 8. Juni 1942 Bild: Abb.a.d.bespr.Band

Im „Zigeunerlager“ in Auschwitz verbrachten Zilli Reichmann und ihre Familie die Zeit bis 1945. Was sie in den Jahren erlebt hat, kann man oder mag man sich nicht vorstellen. Heiko Haumann beschreibt die Lebens- und Sterbebedingungen detailliert und unverblümt.

          „Straftat: Zigeunerin“ - so die polizeiliche Registrierung Zilli Reichmanns bei ihrer Verhaftung in Straßburg 1942. Mit dieser Kennzeichnung begann eine Schreckenszeit für die damals 18-Jährige, die ihren Höhepunkt in Auschwitz fand. Dort, im „Zigeunerlager“, verbrachten sie und ihre Familie die Zeit bis 1945. Was sie in den Jahren erlebt hat, kann man oder mag man sich nicht vorstellen. Heiko Haumann beschreibt die Lebens- und Sterbebedingungen detailliert und unverblümt. Dass es Privilegien im „Zigeunerlager“ gab, die anderen Häftlingen nicht zuteil geworden sind, beispielsweise dass Familien zusammenbleiben konnten, macht den KZ-Aufenthalt um keine Spur leichter.

          Zilli Reichmann hat aber überlebt und ist für Haumann eine Zeitzeugin geworden, an deren Lebenserinnerungen er seine „Geschichte der Sinti“ entlang erzählt. So entsteht die von den meisten Deutschen verdrängte oder gar nicht erst zur Kenntnis genommene Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsgeschichte einer Volksgruppe, die seit Jahrhunderten und bis in die Gegenwart hinein unter Diffamierungen zu leiden hatte und der man eigentlich immer jede Art von Integration und vor allem die „Heimatberechtigung“ versagt hat. 1945 endete zwar die unmittelbare Verfolgung und ständige Todesbedrohung, die Diffamierung, die in der Bezeichnung „Zigeunerin“ steckt, ging aber weiter.

          Natürlich, Kultur, Sprache, Religion, Sozialstruktur et cetera dieser „Zigeuner“, wie sie sich zumindest in der Umgebung Zilli Reichmanns selbst nennen, weichen deutlich von denjenigen der ansässigen Bewohner ab - und auch die Reichmann-Sippe hat ihre eigenen Regeln und Gewohnheiten, wie Haumann schildert. An der Lebensgeschichte Zilli Reichmanns können wir erkennen, in welch schwieriger und manchmal unerträglicher Wechselwirkung die eigene und die fremde Kultur miteinander standen - unversöhnlich war der Kontrast aber nur selten, bis der Rassenwahn in aller Schärfe ausbrach.

          Allen voran das Deutsche Reich, in das die Sinti eingewandert waren und in dem sie sich unstet bewegten, bemühte die sogenannte „Rassenkunde“, um Ausgrenzungskriterien zu finden und wissenschaftlich abzusichern. „Dafür richtete die Regierung“, so Haumann, „an einigen Universitäten Lehrstühle für Rassenkunde und -lehre ein.“ Und nicht nur dies: 1936/37 entstand die für Sinti und Roma noch folgenreichere „Rassenhygienische und bevölkerungsbiologische Forschungsstelle am Reichsgesundheitsamt“ in Berlin-Dahlem. Die Ergebnisse ihrer „Forschungen“ und diejenigen vieler einzelner Ärzte und sonstiger mit der Ausgrenzung der Sinti befassten Personen sickerten in die ohnehin vorhandene Vorurteilsstruktur der Deutschen ein - und sie blieben als Vorurteile auch nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus erhalten.

          Diese Kontinuität ist es, die nicht nur ständig alte Wunden aufriss und neue hinzufügte, sondern die das Schicksal der Sinti zu einer Schande der Sesshaften in Europa, vor allem aber in Deutschland macht. „Die Akte Zilli Reichmann“ wird, indem sie unglaubliche Kontinuitäten aufzeigt, zu einer Anklageschrift: „Die 1899 gebildete zentrale Nachrichten- und Erfassungsstelle, von 1936 bis 1945 dem Zentralamt für Zigeunerfragen beim Reichskriminalpolizeiamt (RKPA) in Berlin unterstellt, war 1945/46 wieder in die Münchner Polizeibehörde eingegliedert worden.“ Leiter dieser Stelle wurde Ende der 1940er oder Anfang der 1950er Jahre Josef Eichberger, der „während des Dritten Reiches maßgeblich am Transport von Zigeunern in Konzentrationslager mitgewirkt hatte“. Ein Einzelfall war dies nicht, im Gegenteil: immer wieder tauchen Personen auf, die sich ihre furchtbare Qualifikation in der Nazizeit erworben hatten, und die nun ihre Tätigkeit weiter ausüben konnten, bruchlos wie es scheint. Haumann nennt viele Namen.

          Die Begründung für die anhaltende Existenz von Vorurteilen gegenüber den Sinti und Roma greift indessen in einer Hinsicht zu kurz: Es sei, schreibt er, „die unzureichende Aufarbeitung der Geschichte des ,Dritten Reiches‘ und seiner Voraussetzungen“ gewesen, die zu ihnen geführt habe. Tatsächlich ist die „Akte Zilli Reichmann“ mehr als das Zeugnis einer latenten Fremdenfeindlichkeit, wie sie heute abermals durch die großen Fluchtbewegungen wachgerufen wird, sie dokumentiert vielmehr ein tief verwurzeltes Ausgrenzungsverhalten jener, die - so wörtlich muss man es nehmen - ihre festen Grenzen, Umzäunungen, nationalen Besitzstände und so weiter haben, gegenüber den nomadisch lebenden Sinti. Ihnen wurde noch 1953 in der „Landfahrerordnung“ vom Bayerischen Landtag bescheinigt, ein „in gesellschaftlicher Hinsicht fragwürdiges Element, das in erster Linie eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellte“ zu sein. Erst 1970 wurde die Landfahrerordnung aufgehoben. Das klammheimliche Aufatmen, wenn die Wohnwagen der Roma und Sinti aus der Peripherie des eigenen Lebensbereiches verschwunden sind, gibt es immer noch.

          Heiko Haumann: Die Akte Zilli Reichmann. Zur Geschichte der Sinti im 20. Jahrhundert. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 358 S., 24,- €.

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