https://www.faz.net/-gpf-9fhp4

Schwierige Geschichte : Das atomisierte Verbrechen

Akten des großen Auschwitz-Prozesses 1963 in Frankfurt Bild: Picture-Alliance

Mit der Ahndung von Verbrechen untergeordneter Chargen in Konzentrationslagern tat sich die Justiz schwer. Warum eigentlich?

          Die Geschichte taugt zur Legende. 13 Jahre nach Kriegsende geht bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft die Anzeige eines mehrfach vorbestraften Häftlings aus der Landesstrafanstalt Bruchsal ein. Sie richtet sich gegen einen gewissen Wilhelm Boger, kaufmännischer Angestellter der Firma Heinkel Motorenwerke in Zuffenhausen. Boger soll als SS-Mann in dem der Öffentlichkeit bis dahin kaum bekannten Vernichtungslager Auschwitz gewesen sein und unzählige Menschen gefoltert und willkürlich getötet haben. Die Strafverfolger ermitteln nur zögerlich – bis der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst während der NS-Zeit als Jude verfolgt worden war, knapp ein Jahr später von einem Journalisten ein Bündel Dokumente über Verbrechen in Auschwitz erhält, die ein Überlebender in den Nachkriegswirren als „Andenken“ mitgenommen hatte. Bauer erwirkt beim Bundesgerichtshof den Beschluss, sämtliche Ermittlungen zum Lager Auschwitz in seiner Behörde zusammenzuziehen. Mit einer Handvoll junger, unbelasteter Staatsanwälte schafft er es, gegen alle Widerstände das Menschheitsverbrechen Auschwitz vor Gericht zu bringen: Der große Frankfurter Auschwitz-Prozess von 1963 bis 1965, mit dem die junge Bundesrepublik der Weltöffentlichkeit zeigen konnte, dass sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellt.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Die historische Dimension des Frankfurter Auschwitz-Prozesses steht außer Frage. Und doch hat die Legende in den vergangenen Jahren Risse bekommen, als mit den Verfahren gegen greise SS-Männer wie Oskar Gröning klar wurde, dass gerade in dem Urteil des Frankfurter Landgerichts auch ein Grund dafür liegt, weshalb so viele Verbrechen in den Vernichtungslagern ungesühnt blieben. „Fritz Bauers Vermächtnis und seine Missachtung“ lautet der Untertitel eines Buches von Werner Renz, das den großen Frankfurter Auschwitz-Prozess und seine fünf kleinen Folgeverfahren nachzeichnet und nach einer Antwort auf die Frage sucht, weshalb der Verfolgungseifer der Justiz so bald wieder erlahmte, bis Jahrzehnte später ein paar wenige, noch lebende alte Männer vor Gericht gezerrt wurden.

          Mit einer beinahe lexikalischen Fülle an Details führt Renz, der bis 2016 das Archiv des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts leitete, auf den ersten hundert Seiten durch den großen Frankfurter Auschwitz-Prozess, nennt den Inhalt der Anklage und erläutert dem Leser die rechtlichen Fragen, vor denen die Richter standen. Am folgenreichsten war die Entscheidung des Landgerichts, sich gegen Fritz Bauers Rechtsauffassung zu stellen, der das Vernichtungsgeschehen in Auschwitz rechtlich als eine „einheitliche“ Tat bewerten wollte. Die Richter gingen einen anderen Weg und „atomisierten“ das Geschehen in unzählige Einzeltaten. Für eine Verurteilung der Täter genügte daher nicht deren schlichte Mitwirkung an der arbeitsteiligen Vernichtungsmaschinerie Auschwitz. Stattdessen mussten jedem einzelnen Angeklagten konkrete eigene Mordtaten nachgewiesen werden, was schon damals, 20 Jahre nach Befreiung des Lagers, in vielen Fällen nicht mehr gelang und die Verfolgung der Verbrechen in den folgenden Jahrzehnten fast unmöglich machte. Erst mit seinem Revisionsurteil gegen Oskar Gröning im Herbst 2016 räumte der Bundesgerichtshof mit dieser Rechtsauffassung auf.

          Weitere Themen

          Blüten des Fritz-Bauer-Kultes

          Hessischer Generalstaatsanwalt : Blüten des Fritz-Bauer-Kultes

          Außenminister Heiko Maas nimmt in New York eine postume Ehrung für den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer entgegen. Doch die Begründung für den Preis ist nicht ganz korrekt – und überhöht einen Menschen, der dies gar nicht nötig hat.

          Joe Biden tritt offiziell als Präsidentschaftskandidat an Video-Seite öffnen

          Trump beleidigt Ex-Vize schon : Joe Biden tritt offiziell als Präsidentschaftskandidat an

          Ex-Vizepräsident Joe Biden steigt in den Präsidentschaftswahlkampf der Demokraten ein. Es ist bereits der dritte Anlauf des inzwischen 76-Jährigen auf das höchste Staatsamt. Er dürfte vor allem die Demokraten begeistern, die denken, nur ein Kandidat könne Trump schlagen, der bei weißen Arbeitern punkten kann.

          Worum es bei ihrem Treffen geht Video-Seite öffnen

          Kim und Putin : Worum es bei ihrem Treffen geht

          Beim Gipfel mit Russlands Präsident Wladimir Putin hat sich Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un um eine Vertiefung der Beziehungen bemüht. Nordkorea ist dringend auf Rohstoff- und Energielieferungen aus dem Ausland angewiesen, Moskau wiederum will Amerika in Ostasien in ihre Schranken weisen.

          Topmeldungen

          Frankreichs Präsident Emmanuel Macron während der Pressekonferenz im Elysée-Palast

          FAZ Plus Artikel: Macron schließt Elitehochschule : Das Ende der Enarchie

          Die Elitehochschule Ena gilt vielen Franzosen als Brutstätte einer abgehobenen politischen Führungsschicht. Präsident Macron will die staatliche Verwaltungshochschule jetzt abschaffen. Das ist ein Paukenschlag – und wird doch nichts an den Gründen für den Zorn der Bürger ändern.

          Video an Hauswand gestreamt : Rammstein würdigt Kraftwerk

          Es ist ihr zweiter spektakulärer Coup in gut einem Monat: Rammstein hat die zweite Single aus ihrem neuen Album präsentiert. Auf einer Berliner Straßenkreuzung ließ die Band das Video „Radio“ auf eine Hauswand streamen – rund 1000 Fans waren begeistert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.