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„Schwarze Kassen“ : Viel Lärm um wenig

  • -Aktualisiert am

Helmut Kohl in der Zeit der Spendenaffäre im Bundestag. Bild: Nicole Maskus/laif

Gewaltiges wird versprochen. Herausgekommen ist wenig mehr als die Erinnerung eines Sohnes an seinen Vater.

          2 Min.

          Dies ist ein seltsames Buch: Sein Titel verspricht neue Erkenntnisse über „Die schwarzen Kassen der CDU“, das Stichwort „Bimbes“ und das Titelbild weisen auf den Spendenskandal hin, der mit dem Namen Helmut Kohls verbunden ist. Doch mehr als die Hälfte des Buches widmet der Autor dem Leben seines Vaters Karl-Anton Ebert (1904 bis 1989). Dabei gibt es da wenig Besonderes zu berichten: zwei Weltkriege, die Weimarer Zwischenzeit, der erfolgreiche Wiederaufbau, dann die Stabilität der Bundesrepublik. Eberts Vater hat diese Jahrzehnte durchlebt und durchlitten wie die meisten Deutschen im 20. Jahrhundert, teils als Opfer, meist als Mitläufer. Er hat sich angepasst, beruflich wie politisch: im Dritten Reich NSDAP-Mitglied, in der Bundesrepublik Beitritt zur CDU. Sein Sohn bedauert, dass sein Vater „einen wesentlichen Teil seines Lebens Dinge tun musste, die er aus innerster Überzeugung abgelehnt hat“.

          Politisch aktiv war Ebert nie, doch als er in den fünfziger Jahren bei der „Freies Fernsehen GmbH“ (FFG) anheuerte, einem von Bundeskanzler Konrad Adenauer betriebenen Projekt, mit dem ein privater Sender als Gegenpol zur ARD, aufgebaut werden sollte, wurde er in finanzielle Machenschaften verwickelt.

          Bei der nach dem sogenannten Fernsehurteil des Bundesverfassungsgerichts unumgänglichen Liquidation dieses Unternehmens (1961), das mit öffentlichen Geldern und Bürgschaften finanziert worden war, wurden seinem Zeugnis nach etwa 20 Millionen Mark unterschlagen, die als Abfindungen deklariert, aber nie an die Betroffenen ausbezahlt wurden. Dieses Geld könnte, wie er dem Sohn gegenüber in einer späten „Beichte“ 1989 spekuliert, in schwarze Kassen eingezahlt worden und schließlich auf Anderkonten im Ausland gelandet sein. Sein Sohn vermutet, dass der nahtlose Wechsel des Buchhalters Ebert vom „Freien Fernsehen“ zum ZDF eine Art Schweigegeld war.

          Aus diesem „Nachlass“ , so wird weiter spekuliert, könnte sich der CDU-Vorsitzende Kohl in den neunziger Jahren bedient haben. Kohl gab 1999 zu, dass er zwischen zwei und drei Millionen Mark an ihn persönlich gegangene „Spenden“ nicht im Rechenschaftsbericht seiner Partei deklariert hatte.

          Das Geheimnis, wer die angeblichen Spender waren, hat Kohl mit ins Grab genommen. Bis heute ist unklar, wo das Geld wirklich herkam. Vermutungen darüber gibt es, die meisten halten es für wahrscheinlich, dass es aus schwarzen Kassen der sogenannten „Staatsbürgerlichen Vereinigung“ stammte, welche die CDU 1954 gegründet und als „Waschanlage“ für steuerbegünstigte Spendengelder (etwa des Flick-Konzerns) genutzt hatte.

          Die Geschichte, die Ebert in dem Buch erzählt, weil er sie für einen „Mosaikstein“ hält, der zur Lösung dieses Rätsels beitragen könnte, beruht einzig auf der mündlichen „Beichte“ seines Vaters, die er aus der Erinnerung wiedergibt. Dass er keine „gerichtsfesten“ Beweise vorlegen kann, gibt er selbst zu, ebenso dass manches widersprüchlich, rätselhaft ist oder nur Spekulation sei. Hinzu kommt, wie es im Nachwort kryptisch heißt, dass der Autor „keinen Zugriff auf den Nachlass meines Vaters“ habe. Er hofft, dass weitere Recherchen mehr Licht in die Angelegenheit bringen könnten. Das Magazin „Der Spiegel“, dem er seine Geschichte angeboten hatte, scheint sich allerdings nicht dafür interessiert zu haben.

          Der Leser, der das einleitende Kapitel zur Parteienfinanzierung und ihren Skandalen gelesen hat, die Altbekanntes aufwärmen, und sich danach durch die Lebensgeschichte von Karl-Anton Ebert gekämpft hat, kann die Leute vom „Spiegel“ verstehen. Die in die Angelegenheit involvierten Personen sind entweder gestorben oder schweigen weiterhin, neue Dokumente sind bislang nicht aufgetaucht. Und letztlich bleibt Helmut Kohls Spendenskandal, in den Worten des ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, eine Fußnote in der Geschichte der Bundesrepublik. Dieses Buch fügt dieser Fußnote bestenfalls eine weitere spekulative Fußnote hinzu.

          Karl-Heinz Ebert: Die Beichte meines Vaters über die Herkunft des Bimbes. Die schwarzen Kassen der CDU. Unter Mitarbeit von Oliver Domzalski. Westend Verlag, Frankfurt 2019. 154 S., 18,– .

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