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Zufällige Begegnungen : Der lange rote Faden

Nachbarn Russlands: Ein mongolischer Reiter vor einer Statue Dschingis Khans. Bild: Reuters

Viel lernen über Russland kann man zum Beispiel wenn man die Nachbarländer besucht. Geschichte einer langen Reise.

          Wie weit der Einfluss Russlands reicht, war vor der Europawahl ein wichtiges Thema. Hat Präsident Wladimir Putin seine Trolle losgeschickt, um die Europäische Union zu destabilisieren und Falschinformationen zu streuen? Das zu beweisen ist nur in mühsamer Puzzlearbeit möglich, aber die Einflussnahme Russlands darf als gesichert gelten. Mit dem Internet ist jedes Land der Erde zu erreichen, aber es sind vor allem die Nachbarn Russlands, die eine Einmischung fürchten. Besonders seit Putin mit der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim im Jahr 2014 bewiesen hat, dass ihn auch „analoge“ Landesgrenzen nicht aufhalten.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Die 14 Nachbarländer Russlands, von Norwegen bis Nordkorea, sind so verschieden, dass sie nur eine Gemeinsamkeit haben: die Grenze zum größten Flächenstaat der Erde. Die Norwegerin Erika Fatland hat auf einer monatelangen Reise alle diese Länder besucht, die an Russland grenzen. Die 36 Jahre alte Schriftstellerin und Journalistin hat für ihr Buch „Die Grenze. Eine Reise rund um Russland“ Zehntausende Kilometer zurückgelegt, ist von Ost nach West gefahren und mit dem Schiff durch die Nordostpassage. Nach China etwa mit seinen Hochgeschwindigkeitszügen und Wolkenkratzern kam sie in das am geringsten bevölkerte Land der Welt, die Mongolei. Aus dem autokratisch regierten Weißrussland fuhr sie nach Litauen, ein Land, das seit 15 Jahren Mitglied der Europäischen Union ist. Die Autorin versucht, diese Vielfalt an Ländern unter einem Blick zu betrachten: deren Verhältnis zum angrenzenden Russland und der gemeinsamen Geschichte mit Russland.

          Dass dieser rote Faden lang werden würde, zeigt schon die Zahl der Seiten ihres Buchs: mehr als sechshundert. Fatland, die Russisch spricht, bedient sich dabei vielerlei heterogener Mittel, auch der Reportage, etwa, wenn sie einheimische Taxifahrer zu Wort kommen lässt. Die Norwegerin ist eine professionelle Reisende, schon für ihr erstes Buch „Sowjetistan“ war sie als Rucksacktouristin in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens unterwegs. Sie bewahrt sich ein mitunter naiv anmutendes Staunen, ist vor allem mit der Bahn unterwegs, steigt in einfachen Hotels ab und revidiert auch mal ihre Eindrücke aus den vormals bereisten Ländern.

          Auf ihrer Reise begegnet Fatland skurrilen Figuren wie etwa Dashdorj Tserendavaa und schildert sie liebevoll ausführlich. Er ist für sie ein Showman, auch wenn er nirgends auf der Bühne steht, sondern in einem ärmlichen Dorf in der Mongolei nach Mitternacht auf einem Schemel sitzt und seinen Obertongesang vorführt. Tserendavaa trägt einen blauen Mantel mit goldenen Drachen und hat die Gäste gut im Griff: Er bestimmt, wo Fotos gemacht werden und wann die Gäste ein mehr als dreißig Jahre altes Video von einem seiner Auftritte anschauen sollen. Am Ende verlangt er einen „unverschämten Preis für das Privatkonzert“. „Showbusiness ist Showbusiness, überall“, schreibt Fatland.

          Solche Geschichten zufälliger oder geplanter Begegnungen sind die stärksten Passagen ihrer langen Reiseerzählung. 5000 Kilometer vom Obertonsänger entfernt trifft sie etwa Maja Levina-Krapina. Die Weißrussin gehört zu den wenigen, die das Getto in Minsk überlebt haben. Über zehn Seiten lässt Fatland die 1935 geborene Zirkusartistin davon erzählen, wie die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg beinahe ihre ganze Familie ermordeten.

          Fatland wollte ihr Buch nicht ohne historische Abrisse des Verhältnisses der bereisten Länder zu Russland lassen. In jedem Kapitel bremst dieser Ehrgeiz den Schwung der Reise. Bei den Exkursen geht es etwa um den Eroberer Dschingis Khan, die Nachfahren von Schweden in der Ukraine, die Jugend Marc Chagalls in Weißrussland und die Gas- und Ölressourcen Aserbaidschans. Zu kurz kommt dagegen das Schicksal der Uiguren in China, deren Unterdrückung Fatland nur andeutet („strenge Sanktionen gegen die Ausübung des Islam“). Zwar bezeichnet China die Lager für Uiguren als Bildungszentren, Menschenrechtler sind jedoch davon überzeugt, dass China bis zu einer Million Häftlinge in Umerziehungslagern einer Gehirnwäsche unterzieht.

          Spannend ist Fatlands Besuch des von Georgien abtrünnigen Gebiets Abchasien, das im Jahr von etwa einer Million russischen Touristen besucht wird, doch im Westen beinahe unbekannt ist. Fatland beschreibt die in der Hauptstadt Sochumi auch nach knapp dreißig Jahren noch sichtbaren Spuren des Krieges, ihr nagelneues Hotel, die leeren Auslagen des Apple-Ladens nebenan und die Abhängigkeit der nur von wenigen Staaten anerkannten Republik von Russland. In vielen Ländern dringt Fatland jedoch tiefer in das Grenzthema ein, als es einige Zitate („Man bewegt sich nur wenige Meter, doch man befindet sich plötzlich in einem anderen Universum“) vermuten lassen. So empfindet der Leser die historischen Exkurse manchmal als hilfreich und gut in den Fluss der Reise eingebettet, ein anderes Mal als den Lesefluss hemmendes Lexikonwissen. Dennoch, wer sich auf die sechshundert Seiten einlässt, taucht in farbig-aktuelle Welten an der Grenze zum gewaltigen Russland ein.

          Erika Fatland: Die Grenze. Eine Reise rund um Russland.

          Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 623 S., 20,– .

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