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Russischer Volkscharakter : Zu schön, um wahr zu sein

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Matrjoschka Moskaus: Gorbatschow, Breschnew, Chruschtschow, Stalin und Lenin Bild: Wolfgang Eilmes

Thomas Fasbenders Stärke ist zweifellos seine Fabulierlust. Die historischen Szenen, die er braucht, um zu erklären, warum „die Russen“ so seien, wie er sie sieht - und Putin treu ergeben, werden romanhaft bis ins kleinste Detail ausgeschmückt.

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          Russland ist anders. Das haben wir, dank Putin, inzwischen verstanden. Aber muss es wegen seiner Größe und Geographie, seiner Bevölkerung und Geschichte zwangsläufig anders sein als andere Länder? War es also nur eine schöne Illusion, unrealistisch und letztlich unmöglich, dass sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems und dem Zerfall der Sowjetunion durch politische Zusammenarbeit und enge wirtschaftliche Verflechtungen mit dem Westen schließlich auch dort, wenngleich nicht unmittelbar und auf Anhieb mustergültig, Demokratie und Rechtsstaat durchsetzen würden?

          Putin hat Russland diesen Weg vermutlich auf lange Zeit verbaut. Was nach ihm kommt, ist ungewiss. Zur Rechtfertigung seiner autoritären, korrupten, nunmehr auch aggressiv antiwestlichen Herrschaft führen Verfechter des Regimes aber immer häufiger Argumente an, die schon vor mehr als 150 Jahren den Intellektuellenstreit zwischen Slawophilen und Westlern befeuerten: dass der russischen Zivilisation ein „Sonderweg“ bestimmt sei. Einer der Propagandisten des Präsidenten hat vor wenigen Monaten sogar verkündet, die durch den Untergang der Sowjetunion ausgelöste Suche nach einer neuen Identität sei definitiv beendet. „Jetzt wird offenbar, dass Wladimir Wladiromitsch Putin die nationale Idee Russlands ist.“ Ganz so weit geht Thomas Fasbender nicht. Dennoch läuft sein Buch „Freiheit statt Demokratie“, in dem er darlegen will, warum Russland „den Weg des Westens nicht gehen“ wolle und nicht gehen werde, unverhohlen auf eine Verharmlosung und Verteidigung des real existierenden Putinismus hinaus. Der Titel soll offensichtlich provozieren, unterstellt er doch, in Russland sei Freiheit auch ohne demokratische Institutionen und staatlich garantierte Rechtssicherheit möglich. Aber das ist nur ein Trick.

          Für russische Staatsbürger habe Freiheit als abstrakter Begriff keinen Wert, behauptet Fasbender: „Mehr als Reisefreiheit, Privateigentum und das Recht, auf die Mächtigen zu schimpfen, wird von der Mehrheit nicht verlangt.“ Die Vorstellung, dass Institutionen mächtiger seien als Personen, habe „für die meisten Russen etwas Exotisches“. Daher gelte „wie eh und je: Gemacht wird, was der Chef will“. Andererseits werde die Verehrung des starken Führers durch eine anarchistische Grundstimmung in der Bevölkerung, die Abneigung gegen abstrakte Regeln und allgemeine Disziplinlosigkeit hintertrieben: Freiheit in Russland sei eben „diese asoziale Urfreiheit, dies ,Ich tue, was ich will, und ihr könnt mich alle mal‘.“

          Der Verfasser lebt seit 1992 in Moskau. Im Klappentext wird er als „promovierter Philosoph“, Blogger, Journalist und Unternehmer vorgestellt. Über die aktuelle Lage, die politische und wirtschaftliche Entwicklung während der vergangenen zwei Jahrzehnte, die Machtverhältnisse im System Putin oder den Konflikt mit der Ukraine erfährt man von ihm aber wenig. Mit weitschweifigen Ausflügen in die russische Geschichte und warmherzigen Porträts russischer Freunde versucht er, dem Leser den russischen Volkscharakter nahezubringen. Kenntnisreich und belesen, kann er damit durchaus Sympathien wecken. Aber seine Schlussfolgerungen wirken dann oft enttäuschend platt.

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