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Fakten und Fiktion : Panorama der jungen Bundesrepublik

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Das Koeppenhaus, aufgenommen am 19. Juni 2014 in Greifswald Bild: ZB

Der Roman „Das Treibhaus“ wird in den Zusammenhang seiner Zeit gestellt. Der Geist der fünfziger Jahre.

          Am Anfang steht ein Roman: Wolfgang Koeppens „Das Treibhaus“ von 1953, der heute zu den bedeutendsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur zählt. Ein Roman als Referenzpunkt und Quelle ist an sich nichts Ungewöhnliches, wohl aber für eine geschichtswissenschaftliche Studie, wie sie uns Benedikt Wintgens präsentiert. Ein solcher Zugang wäre höchst fragwürdig, wenn belletristische Phantasiewelten für bare Münze genommen würden. Das hieße, weder der zeithistorischen Wirklichkeit noch einem Autor wie Koeppen gerecht zu werden. Ihm missfiel im Übrigen die Tendenz, sein Werk auf einen Gegenwartsreflex zu reduzieren, und er reklamierte hartnäckig eine „eigene poetische Wahrheit“ für sein „Treibhaus“.

          Der 1996 verstorbene Autor wäre daher vermutlich nicht besonders glücklich über eine Analyse gewesen, die seine Literatur zur Grundlage für ein zeithistorisches Panorama der politischen Szenerie und Kultur der jungen Bundesrepublik macht. Wintgens zweifelt zwar nicht an Koeppens großer literarischer Leistung, lässt sie aber hinter die politische Bedeutung und Interpretation zurücktreten. Damit knüpft „Treibhaus Bonn“ an jene Arbeiten an, die in jüngerer Zeit die bedeutendste Schriftstellergruppierung der Bundesrepublik, die Gruppe 47, vorrangig als politisch-intellektuelle Kraft interpretieren. Auch diese Verbindung hätte Koeppen vermutlich geärgert, weil er selbst möglichst auf Distanz zu solchen kollektiven Zusammenschlüssen ging. Hans Werner Richter, der große Regisseur der Gruppe 47, nannte Koeppen „verhemmt und verklemmt“, von „Zurückhaltung und Bescheidenheit“ geprägt. Er sei „ein stiller Bürger, eine schon überholte Spezies“, behauptete Koeppen einmal von sich selbst.

          Das traf sicher bis zu einem gewissen Grad zu und war doch auch eine Stilisierung, die aber Wirkung zeigte. Als Walter Jens 1962 anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises die Laudatio auf Wolfgang Koeppen hielt, ließ er den introvertierten, melancholisch und resignativ gestimmten Autor hochleben. Wintgens sieht gegenüber diesem Charakterbild die „politische Lesart“ vernachlässigt. Die achtzig Besprechungen der Jahre 1953/54 würdigten den Roman überwiegend anhand politischer, weniger anhand literarischer Kriterien. Der Rezeptionsgeschichte ist der größte, allein 220 Seiten umfassende Teil von Wintgens Studie gewidmet. Darin richtet er den Blick auf die Rezensionen, ihre Autoren und deren Biographien, auf die Publikationsorgane, in denen sie veröffentlicht wurden, und die Gesprächskreise, die Koeppens Opus zum Streitobjekt kürten. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, auf Mikroebene die Intellektuellen- und Mediengeschichte der Nachkriegsjahre aufblühen zu lassen.

          Zuvor charakterisiert Wintgens Koeppens Roman, entschlüsselt dessen Entstehungsgeschichte, Figuren, Episoden und Schauplätze. Er erinnert nochmals an den traurigen Protagonisten Felix Keetenheuve, jenen pazifistisch eingestellten, gesinnungsethisch gestimmten, sich heimatlos fühlenden und mit seinem Mandat hadernden sozialdemokratischen Abgeordneten, der sich – politisch und persönlich verzweifelt – am Ende durch einen Sprung von einer Rheinbrücke das Leben nimmt. Wintgens entwirrt so gut wie möglich die kunstvolle Verknotung aus „Fakten und Fiktion“ und hält dem Koeppenschen Werk ohne jede Besserwisserei den zeithistorischen Spiegel vor.

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