https://www.faz.net/-gpf-812et

Roland Freisler : Todesurteile am laufenden Band

  • -Aktualisiert am

Abschrift der Ernennungsurkunde Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Die erhaltenen Filmaufnahmen von Roland Freisler prägen die kollektive Erinnerung an die nationalsozialistische Unrechtsjustiz. Der Präsident des „Volksgerichtshofes“ machte mit seiner Verhandlungsführung den Gerichtssaal zur persönlichen Bühne.

          Er schrie, tobte und erniedrigte Angeklagte mit Spott und Hohn. Die erhaltenen Filmaufnahmen von Roland Freisler prägen die kollektive Erinnerung an die nationalsozialistische Unrechtsjustiz. Der Präsident des „Volksgerichtshofes“ machte mit seiner Verhandlungsführung den Gerichtssaal zur persönlichen Bühne. Das deutsche Rechtswesen verkam zum Justiztheater, doch für die Angeklagten war es blutiger Ernst. Helmut Ortner nutzt seine biographische Skizze von Roland Freisler, die sich im Wesentlichen auf dessen Karriere während des „Dritten Reiches“ konzentriert, als Klammer, um die schnelle Gleichschaltung des Justizapparates, dessen Selbstentmachtung sowie dessen Willfährigkeit am Beispiel des „Volksgerichtshofes“ einerseits und dem Umgang mit dieser Schuld nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes andererseits darzustellen.

          1934 wurde der Volksgerichtshof als Instrument eingerichtet, um die Justiz stärker dem Willen Hitlers zu unterwerfen. Vor 1933 konnten in Deutschland lediglich drei Straftatbestände mit der Todesstrafe geahndet werden, 1944 waren es vierzig. Die Zahl der verhängten und vollstreckten Todesstrafen stieg vor 1939 spürbar und nach Kriegsbeginn steil an. Die Berufung Freislers zum Präsidenten des Volksgerichtshofes radikalisierte diese Entwicklung weiter. Allein dieses Sondergericht sprach über 5200 Todesurteile, rund 2600 davon verhängte Freislers Senat.

          Dessen Verhandlungsführung war auch unter Nationalsozialisten umstritten. So fürchtete sein Vorgänger als Präsident des Volksgerichtshofes, Reichsjustizminister Otto Georg Thierack, sie könne den Respekt der Bevölkerung vor dem Gericht zerstören. Der Film über die Prozesse um das Attentat vom 20. Juli 1944 durfte wegen dieser und ähnlicher Bedenken nur ausgesuchtem Publikum vorgeführt werden. Hitler selbst war mit Freislers Inszenierungen offensichtlich zufrieden und zog erfreut den Vergleich mit den Schauprozessen Stalins. Freisler wurde am 3. Februar 1945 bei einem Bombenangriff getötet und musste sich nie für sein Tun verantworten.

          Ein Großteil des Buches beschäftigt sich mit unterbliebenen oder auch gescheiterten Versuchen, die Verbrechen der Justiz als Teil der Mordmaschinerie des nationalsozialistischen Regimes durch die personell wenig veränderte Justiz der Bundesrepublik zu verfolgen. Dies erschöpft sich allerdings weitgehend in der Aufzählung von entsprechenden Urteilen der Nachkriegsgerichte und der Schilderung der Nachkriegskarrieren einiger Richter des Volksgerichtshofes. Die naheliegende Frage, ob und wie sich dieses Versäumnis auf das Rechtswesen der jungen Demokratie auswirkte, wird leider nicht gestellt.

          Helmut Ortner: Der Hinrichter. Roland Freisler - Mörder im Dienste Hitlers. Nomen Verlag, Frankfurt am Main 2014. 357 S., 24,90 €.

          Weitere Themen

          Syrischer Flüchtling kehrt heim Video-Seite öffnen

          Von Berlin in den Krieg : Syrischer Flüchtling kehrt heim

          2015 kam Mohammed al-Naimi über die Balkanroute nach Deutschland, der junge Syrer baute sich in Deutschland ein neues Leben auf. Doch der Krieg in seiner Heimat ließ ihn nicht los, gegen der Rat seiner Familie kehrte er zurück und schloss sich einer ehemals von Amerika unterstützten Widerstandsgruppe an.

          „Es geht darum, Krieg zu verhindern“

          Heiko Maas : „Es geht darum, Krieg zu verhindern“

          Der Bundesaußenminister warnt nach der Festsetzung eines britischen Tankers durch den Iran vor einer Eskalation der Gewalt und ruft Teheran zum Einlenken auf. Auch die Nato äußerte sich besorgt über die „destabilisierenden Aktivitäten des Iran“.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.