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Robert Lorenz/Matthias Micus: Von Beruf: Politiker : Ohne Ziel, kein Profil?

  • -Aktualisiert am

Anlässlich des Weltkindertages eröffnet ein Junge am 14. September 2014 im Plenarsaal des Nordrhein-Westfälischen Landtags in Düsseldorf die Sitzung. Bild: dpa

Was den Berufsweg von Politikern angeht, so kommt heutzutage die Ochsentour zwar immer noch vor, es finden aber verstärkt Quereinstiege statt.

          Politik ist eine Kunst, das wusste schon Otto von Bismarck. Doch das Ansehen der Kunst ist heutzutage dürftig. Eigentlich müsste man umgekehrt auch nach dem Publikum fragen, ob das nicht Verdrossenheit auslösen kann. Damit dienen die Autoren Robert Lorenz und Matthias Micus dann doch nicht, aber sie liefern meinungsstark, aber auch mit gutem Urteilsvermögen wichtige Erkenntnisse. Sie nehmen in der Öffentlichkeit wahr, dass sowohl „generalistisches Urteilsvermögen wie spezialistische Expertise“ von ein und derselben Person verlangt werden. Hohe Erwartungen bezüglich Entscheidungsfähigkeit, Fachkompetenz, Orientierungs- und Hintergrundwissen, Fähigkeiten, Synthesen hervorzubringen, und die Beherrschung von Organisationstechniken sowie mediale Fähigkeit: das Eigenschaftsprofil im Bild der Beobachter ist immens. „Alleskönner“ seien eigentlich gefragt. Jedenfalls richten sich die Autoren nach Theodor Eschenburgs Devise: „Auf die Persönlichkeit kommt es an.“

          Methodisch gehen die am Göttinger Institut für Demokratieforschung arbeitenden Autoren so vor, dass Porträts von Politikern früherer und gegenwärtiger Zeit vorgestellt werden. Unterschiedlichkeiten finden besondere Aufmerksamkeit. Früher gab es mehr Erfahrungen, mehr Prägungen, mehr Kenntnisse, vielleicht auch mehr Schicksal in Gestalt von Kriegen, Zusammenbrüchen und Katastrophen. Heute seien sich die Politiker viel zu ähnlich, seien uninteressant und hätten wenig Profil, höre man.

          Natürlich ist ein derartiger Vergleich eher unfair. Denn schon früher sei die den Heutigen vorgeworfene mangelnde Berufserfahrung zu konstatieren gewesen. Was den Berufsweg angeht, so kommt heutzutage die Ochsentour zwar immer noch vor, es findet aber verstärkt Quereinstiege statt, aber zentral bleibe nach wie vor auch die rein politische Laufbahn. Der Quereinstieg wird zu Recht problematisiert, es fehle einfach das Knowhow des Politikerverhaltens. „Führungsbegabung, Entscheidungskraft, Fingerspitzengefühl und Richtungsbewusstsein sind wichtiger als fachmännische Expertise, detailgenauer Sachverstand oder präzise Rechts- und Verwaltungskenntnisse.“ Fachleute in der Politik - wie etwa Ralf Dahrendorf, Joseph Schumpeter, Paul Kirchhof - haben nicht den Erfolg gehabt, der ihrer wissenschaftlichen Expertise entsprochen hätte. Die Autoren hegen deswegen Skepsis gegenüber nationalen Steuerungs- und Planungserwartungen der angeblichen Sachpolitik.

          Was vielen Politikern heute in ihren Laufbahnen fehle, sei eine Bewährungsprobe, bevor sie die politische Verantwortung übernehmen. Darin liege ein Unterschied zu früher. Ein Problem sei heute, dass Geschlossenheit und Einheit mehr zählten als ein konstruktiver Streit, der die Politik inhaltlich voranbringe. Insofern komme es zur konturlosen Mitte und fehle es an Grundsatzkonflikten. Die Parteijugend sei oft auch noch ohne Ausstrahlung und Rauflust, es gebe mehr ideologische Patchworkcharaktere. Man merke den politischen Figuren an, dass sie noch kaum Niederlagen einstecken mussten und es Ihnen an Abgrunderfahrung fehle. „Die Politiker von heute haben das Scheitern verlernt.“

          Die parteibasierte Absicherung sei nur dürftig angelegt, und deshalb entstünden nur flüchtige Machtressourcen. Etwas übertrieben scheint dem Rezensenten der folgende Satz zu sein: „Stattdessen findet sich heute kaum jemand, den man allein aufgrund seines Werdegangs oder seiner Persönlichkeit als außergewöhnlich, unvergesslich, unnachahmlich bezeichnen würde und über den man über dessen Amtszeit hinaus sprechen würde.“ Unter vielen anderen Politikern werden auch die FDP-Größen Bahr, Rösler und Lindner als damalige Boygroup stark diskutiert. Vielleicht seien die Politiker von heute ihren Wählern zu ähnlich.

          Sehr lesenswert sind die Bedenken gegen direkt-demokratische Verfahren. Die Integrationskraft der Parteien würde darunter zum Beispiel leiden. Die Autoren optieren vehement für Substanz und gegen ängstliche Dispositionen in der jüngeren Politikergeneration: „Ohne Ziele, klare Grundsätze und Visionen, ohne eine Klärung des Zielhorizonts [. . .] wird sich der Niedergang insbesondere der klassischen Großparteien daher nicht aufhalten lassen.“ Das ist ein Wort.

          Das Büchlein hat durchaus besondere Qualität und kann nicht nur den Praktikern empfohlen werden, sondern müsste auch einem politikverdrossenen Publikum vorgesetzt werden - wenn auch ohne große Erwartung.

          Robert Lorenz/Matthias Micus: Von Beruf: Politiker. Bestandsaufnahmen eines ungeliebten Standes. Verlag Herder, Freiburg 2013. 208 S., 9,99 €.

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