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Schröder-Biografie : Wie „Acker“ lernte, die Macht zu lieben

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Strahlender Sieger: Am 27. September 1998 ist Gerhard Schröder am Ziel - er kann Helmut Kohl als Kanzler ablösen. Bild: Barbara Klemm

Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt heute eine Biografie ihres Vorgängers vor. Das imposante Buch des Historikers Gregor Schöllgen ist eine respektvolle Würdigung.

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          Am frühen Abend des 18. September 2005 hat Gerhard Schröder die Bundestagswahl verloren. Doch noch klammert er sich an Hochrechnungen, hofft auf die Mehrheit der Sitze durch Überhangmandate. Einfühlsam versetzt Gregor Schöllgen die Leser seiner imposanten Biographie zurück in jene rot-grüne Kanzlerdämmerung, als sich der Regierungschef, den der Historiker mit größtem Respekt würdigt, auf den Weg macht zur „Berliner Runde“ von ARD und ZDF. „Ziemlich sicher ist zu diesem Zeitpunkt auch, dass ,sein Wahlergebnis‘ besser ist als das 1990 von Oskar Lafontaine, wie er anderntags im Vorstand festhält. Im Spiegel der folgenden beiden Wahlen zum Bundestag ist es sogar ein Traumergebnis.“

          Vor einem Millionenpublikum kommt es nun zu der „testosteronen Explosion“ Schröders, die der Biograph damit entschuldigt, dass sich eine über Wochen „angestaute Spannung entlädt“. Fast alles, was er unterdrückt habe, „bricht sich jetzt Bahn. Auch die Überzeugung, dass niemand außer ihm ,in der Lage‘ sei, ,eine stabile Regierung zu stellen. Niemand außer mir‘ - und schon gar nicht Frau Merkel. Tatsächlich lässt sich das Wahlergebnis ja so lesen. Vier Monate später, als Gerhard Schröder hinter verschlossenen Türen sein Leben Revue passieren lässt, formuliert er das so: ,Die Menschen wollten eine Regierung, die ich führe, aber von der CDU gestellt wird - und haben Merkel und die SPD bekommen. Das ist wirklich die List der Geschichte.‘ Dass diese ,von Frau Merkel geführte‘ Regierung ,besser‘ ist, ,als die meisten erwartet hätten‘, nimmt er zu diesem Zeitpunkt gelassen zur Kenntnis.“ Bemerkenswerter Rückblick, den Schöllgen zitieren kann, weil Schröder in der Vorbereitungsphase der Memoiren Anfang 2006 immerhin 55 Kassetten besprach, so dass es eigentlich „zwei Bücher“ gebe: Das erste, die Transkription von Gesprächen mit dem früheren Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye, „erblickt nie das Licht der Öffentlichkeit“. Hier habe sich Schröder „alles von der Seele“ geredet. Das andere, Ende 2006 unter dem Titel „Entscheidungen“ publiziert, habe mit der Transkription „nur wenig zu tun“, weil sich Schröder gar nicht die Zeit nahm, diese zu bearbeiten.

          Überhaupt habe Schröder als „ein mündlicher Mensch“ während seiner Kanzlerschaft das Aktenstudium „auf ein Minimum“ beschränkt. Bei Schröders Büroleiterin erkundigte sich Schöllgen daher nach den Terminkalendern, die ihm einen Weg zu vielen Quellen wiesen. Er wertete 30 Ordner mit Korrespondenzen im „Privatarchiv Schröder“ aus, zog Akten des Kanzleramtes und der SPD heran und befragte 40 Zeitzeugen, um das Leben des siebten Kanzlers der Bundesrepublik darzustellen - gegliedert in „Der Aussteiger“, „Der Anwalt“, „Der Kandidat“, „Der Kämpfer“, „Der Macher“, „Der Reformer“ und „Der Ratgeber“.

          Gregor Schöllgen: Gerhard Schröder. Die Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2015. 1039 S., 34,99 €.

          Schröders Mutter Erika war das uneheliche Kind einer Näherin und eines Arztes, das von einem Vormund großgezogen wurde. Als sie Ende Oktober 1939 den Gelegenheitsarbeiter Fritz Schröder heiratete, waren ihr „weder der Aufenthalts- noch der Geburtsort ihrer leiblichen Mutter bekannt“. Fritz hatte wegen Diebstahls Haftstrafen verbüßen müssen, (was Erika den zwei gemeinsamen Kindern verschweigen sollte). Das Paar lebte bei Fritz Schröders Mutter Klara und deren zweitem Ehemann Paul Vosseler. Fritz wurde Soldat und fiel im Oktober 1944 in Rumänien. Damals war der am 7. April 1944 geborene Gerhard ein halbes Jahr alt. Die Vosselers ließen sich nach dem Krieg scheiden, damit Paul und Erika heiraten konnten - eine „abenteuerliche Konstellation“. Bis 1954 gesellten sich zu Gerhard und Gunhild drei Halbgeschwister. Der 1966 verstorbene Stiefvater konnte gut singen, Zither spielen, war arbeitsunfähig, „ging fremd“, während die Mutter „fast rund um die Uhr“ schuftete. Daher erfuhr der „junge Schröder im eigentlichen Sinne keine Erziehung“.

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