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Religionen : „Wie im Himmel, so auf Erden“

Blick auf die Bibel und den Koran in der St. Nikolaus Gemeinde in Alanya, Türkei, am 10.09.2019. Bild: Daniel Pilar

Über „politischen Islam“ wird viel diskutiert. Aber „politisch“ sind alle Religionen.

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          Otto von Bismarck soll gesagt haben, mit der Bergpredigt könne man keine Politik machen. Felix Körner, Professor für Theologie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, stellt das in Frage: „Wieso eigentlich nicht?“ Auch der Titel seiner Monographie dürfte Widerspruch hervorrufen: „Politische Religion. Theologie der Weltgestaltung – Christentum und Islam.“ Er legt aber überzeugend dar, dass man nicht nur mit dem Koran Politik machen kann, sondern dass auch das Judentum und Jesu Verkündigung des Gottesreiches den Anspruch haben, die Welt zu gestalten.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Religionen sind offenbar von vornherein etwas Politisches“, schreibt Körner, der derzeit am Wissenschaftskolleg in Berlin forscht. Daher bedürfe es einer politischen Theologie. Der Ansatz ist weniger kühn, als es den Anschein hat. Der Jesuit Körner, der in katholischer Theologie und Islamwissenschaft promoviert wurde, präsentiert das Politische in den Theologien, indem er relevante Passagen in der Hebräischen Bibel, im Neuen Testament und im Koran auslegt. Dabei wird klar, dass Religionen die Welt gestalten wollen, dass sie das Zusammenleben der Menschen und die Machtverhältnisse beeinflussen. Daraus entwickelt Körner sechs politische Religionsmodelle.

          Erstens ist Religion Kultur, also die nicht gewählte, prägende Umgebung eines Menschen; im Gegenmodell ist sie auch die Stiftung einer neuen Identität, also Mission und das Angebot einer neuen Zugehörigkeit. In einem zweiten Begriffspaar stehen sich Religion als Legitimation von Herrschaft und Gewalt sowie Religion als Relativierung und Kritik menschlicher Macht gegenüber. Im dritten Begriffspaar stellt Körner Religion als Vergegenwärtigung von Schwäche, die sie zu einer Stimme der Schwachen werden lässt, und Religion als Inspiration, die eine Gesellschaft (mit)prägt, gegenüber. Danach begründet er die These, dass Religion die Anerkennung des anderen sei.

          Schlüsselkapitel sind die zur Legitimation und Relativierung von Macht. Im ersten Fall legitimieren Religionen politische Ordnungen als Abbild der großen göttlichen Ordnung. So formuliert Psalm 72 die Kriterien für eine gerechte Herrschaft, und mehrere Stellen im Neuen Testament lassen keinen Zweifel daran, dass die Staatsgewalt allein von Gott stammt, so Römerbrief 13,1 und Johannes 19,11. Im Koran hält Körner die Sure 90 für eine Schlüsselstelle. Sie formuliert, wie die Stadt als Ort der Stabilität und als neue Identität inmitten einer Stammesgesellschaft neue Anforderungen an ihre Bürger stellt. Denn die neue Zivilisation, die mit dem Propheten entsteht, ist daran geknüpft, Gott anzuerkennen und für die Mitmenschen zu sorgen.

          Körner zeigt ferner, dass Krieg im Namen Gottes keiner monotheistischen Religion fremd ist. Die Hebräische Bibel verbindet ausdrücklich Heiligkeit und Krieg, etwa bei Jeremia 6,4 und Richter 3,28, und im Koran ist der Dschihad der Kampf gegen die Ungläubigen mit Waffengewalt, selbst wenn das, wie Sure 2:190-191, gebietet, Einschränkungen unterliegt. Und im Christentum rechtfertigte Papst Urban II. 1095 den ersten Kreuzzug mit dem Neuen Testament.

          Im Gegenmodell zur Legitimierung der Macht schränkt Religion die Herrschaft jedoch auch ein. Denn die Gemeinde, die an das mit Jesus hereinbrechende Gottesreich glaubt, relativiert die irdischen Machtansprüche, die angesichts der kommenden Gottesherrschaft nur unvollkommen sein können. Die vollkommene himmlische Ordnung wird so zum Anstoß einer Neuordnung der Erde. Schließlich heißt es im Vaterunser: „Wie im Himmel, so auf Erden“. Mit ihrer Gerechtigkeit werde die Gottesgemeinschaft Maßstab der irdischen Herrschaft und zur Hoffnung, schreibt Körner. Oder wie es Martin Luther gesagt hat: „Wer mit dem Gesetz regiert, der ist wie Gott, der die Gesetze geschaffen hat.“

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