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Reinhard Gehlen : Der Mann hinter der Maske

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Diese Vorgeschichte im Leben des BND-Präsidenten ist die eigentliche Geschichte des Reinhard Gehlen. Er blieb der Generalstäbler mit Aufklärungserfahrung, der er war. Seit dem Herbst 1945 lieferte er den Amerikanern Sachhinweise und strategische Analysen zu den sowjetischen Streitkräften. 1947 kam er nach Pullach und baute im Auftrag der US-Army die „Organisation Gehlen“ als Informationsdienst auf. Er zog Kameraden aus dem Oberkommando des Heeres und der Waffen-SS an sich und sorgte dafür, dass die amerikanischen Militärs ebendies billigten. Sie taten es, um Gehlens „Organisation“ auch nach der Gründung der Bundesrepublik als Hilfstruppe im Kalten Krieg einsetzen zu können.

Mit Geschick und Beharrlichkeit erreichte Gehlen sein Ziel, den Nachrichtendienst unter die Obhut der Bundesregierung zu bringen. Von früh an suchte er den Kontakt zum Chef des Kanzleramts, Hans Globke, und gewann über ihn auch Zugang zu Konrad Adenauer. Es gelang ihm jedoch nicht, direkt dem Bundeskanzler unterstellt zu werden. Geltungsbedürftig, wie er war, hatte er gehofft, als hoher Beamter im Regierungsapparat zum Nachrichtenchef unmittelbar hinter der Führungsriege aufzusteigen, ganz so, wie es seinerzeit im Generalstab des Heeres gewesen war. Aber es hakte bei der Beschaffung von Nachrichten. Wie schon FHO die russischen Pläne gegen Stalingrad nicht erkannt hatte, wurde Pullach vom Volksaufstand des 17. Juni 1953 in der DDR überrascht. Als 1956 der BND entstand, folgte auf dem Fuß eine falsche Einschätzung zur Entstalinisierung in der Sowjetunion. Vom geplanten Mauerbau erfuhr der Geheimdienst erst zwei Tage vorher, am 11. August 1961. Im November 1961 wurde Gehlens enger Mitarbeiter und Protegé, der ehemalige SS-Obersturmführer Heinz Felfe, als Sowjetagent enttarnt. Adenauer ließ Gehlen fallen. Der Kanzler ging noch weiter auf Distanz, als in der „Spiegel-Affäre“ seit Oktober 1962 klarwurde, dass ein prominenter BND-Mitarbeiter daran beteiligt gewesen war, dem Hamburger Magazin Informationen über das Nato-Manöver „Fallex 62“ zuzuspielen. Dennoch blieb Gehlen im Amt. Er zehrte von seinem Ruf als bester Kenner des Ostens und Meisterspion. Erst 1968 nahm er aus Altersgründen den Abschied.

Müller erklärt das widersprüchliche Phänomen von persönlichem Erfolg und beruflicher Schwäche damit, dass Gehlen eigentlich nur zwei Obsessionen hatte und keine politische Sensibilität besaß. Ihm ging es immer zuerst um sein persönliches Fortkommen. Hinzu kam sein Antikommunismus, der sich nach dem Ende des Krieges weiter vertiefte. Deshalb fehlte es ihm an Verständnis für das Auf und Ab der Spannungs- und Entspannungsphasen im Kalten Krieg schon während der fünfziger Jahre. Die Ostpolitik seit 1966/69 lehnte er vollends ab. Den BND baute er, biographisch konsequent, mit Personal aus der Zeit des Kriegs gegen die Sowjetunion auf, darüber hinaus betrieb er Vetternwirtschaft. Zeitweilig beschäftigte der BND 16 Verwandte des Präsidenten. Im Ruhestand versuchte er publizistisch zu reüssieren, aber selbst „Der Dienst“, seine Memoiren von 1971, brachte keinen dauerhaften Erfolg, weil zu viel geschönt oder schlicht falsch dargestellt war. Als er 1979 starb, blieb nicht mehr als das Bild eines älteren Herrn mit getönter Brille, gesichtslos. Den Mann hinter der Maske sichtbar gemacht zu haben ist das Verdienst dieses Buchs.

Rolf-Dieter Müller: Reinhard Gehlen. Geheimdienstchef im Hintergrund der Bonner Republik. 2 Bände. Ch. Links Verlag, Berlin 2017. 1364 S., 98,- Euro

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