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Reformen : Franziskus und seine Prinzipien

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Papst Franziskus im Kreis der Kardinäle Bild: dpa

Und sie bewegt sich doch? Zumindest erweckt der Papst den Eindruck, „seine“ Kirche verändere sich.

          Seit März 2013 steht Papst Franziskus an der Spitze der katholischen Kirche. Als er gewählt wurde, war er nicht allein in Deutschland fast unbekannt. Bis dahin hatte Jorge Mario Bergoglio ja schwerpunktmäßig in seiner Heimat Argentinien gewirkt. Nur halb im Scherz meinte er gleich nach der Wahl, er sei vom Ende der Erde nach Rom gekommen. Um das Programm des ersten Südamerikaners auf dem Stuhle Petri zu verstehen, eignet sich Jürgen Erbachers ebenso konzentrierter wie ausgewogener Überblick überaus gut. Der Journalist, der für das ZDF über den Vatikan berichtet, zieht eine Zwischenbilanz des Pontifikates. Leitend ist ihm dabei die titelgebende Formulierung „weiter denken“. Diese ist ob ihrer Doppeldeutigkeit geschickt gewählt. Sie ermöglicht nämlich, die Kontinuität zu vorigen Pontifikaten wahrzunehmen. Vieles bei Franziskus finde sich schon bei seinen Vorgängern. Zum Beispiel habe Paul VI. den Dialog mit allen Menschen guten Willens gesucht und Gesten sorgfältig in Szene gesetzt. Benedikt XVI. seien der konsequente Bezug auf Jesus Christus sowie die „Entweltlichung“ der Kirche wichtig gewesen. All das werde von Franziskus aufgenommen, doch eigenständig fortgeführt. Ein besonderes Augenmerk gelte dabei sozialethischen Fragestellungen. Wie Erbacher plausibel darlegt, werde die Individualethik damit nicht unwichtig, wohl aber in einen größeren Zusammenhang gerückt. Mitunter gehe Franziskus allerdings auch über das Bisherige hinaus. Wenn er „Barmherzigkeit“ zur neuen Leitkategorie mache, habe das unmittelbar Konsequenzen für Moraltheologie und Kirchenrecht. Zudem solle an die Stelle einer pyramidalen, ganz auf den Vatikan ausgerichteten Kirche eine synodal-dezentralisierte treten. Um den Zusammenhang der verschiedenen Reformideen zu verdeutlichen, benennt Erbacher vier Grundprinzipien des Papstes: Prozesse in Gang zu setzen ist wichtiger als der unmittelbare Erfolg. Die Wirklichkeit ist entscheidender als die Idee. Die Einheit geht dem Konflikt vor. Das Ganze ist dem einzelnen Teil übergeordnet, obgleich Letzteres eigenen Wert besitzt.

          Bei aller Sympathie für Franziskus und seinen an diesen Prinzipien orientierten Kurs wird Erbacher keineswegs parteiisch. So verweist er auf den brüsken Führungsstil des Papstes, der selbst Wohlmeinende irritieren kann. Unbeschadet dessen stellt er das enorme Potential des aktuellen Pontifikates heraus, das er als weiteren Schritt zur Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils versteht. Wolle die Kirche relevant bleiben, müsse sie sich verändern.

          Eine aufschlussreiche Parallellektüre zu Erbachers Buch stellt ein Band mit Interviews dar, die Óscar Andrés Rodríguez Maradiaga einem italienischen Journalisten gegeben hat. Der 1942 geborene Ordensmann ist nicht nur Erzbischof in seiner Heimat Honduras. Schon bald nach seiner Wahl zum Papst ernannte Franziskus ihn zum Leiter des Kardinalsrates – K9 genannt. Es handelt sich um ein neu geschaffenes exklusives Gremium, das die Restrukturierung der Kirchenleitung vorantreiben soll. Maradiaga kennt Franziskus seit langem, hat auch direkten Zugang zu ihm. Frappierend sind die Parallelen zwischen den beiden Männern in Bezug auf kulturelle Herkunft und religiöse Prägung. Beide entstammen einer Welt, in welcher der Katholizismus lebensbestimmend war. Sie besuchten Schulen der Salesianer Don Boscos, eines der Jugendbildung verpflichteten Ordens, dem Maradiaga beitrat, während Bergolio Jesuit wurde. Beide verbindet zudem das Ereignis des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dessen vielfältige Anstöße vor Ort umzusetzen, bemühte sich der Lateinamerikanische Bischofsrat (CELAM). An der letzten Generalkonferenz des Rates, die 2007 in Aparecida stattfand, waren Maradiaga und Bergolio federführend beteiligt.

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