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Rechtfertigung : Bereitet der Apartheid den Weg

Die Zeit danach: Alle Hautfarben in einer Kirche Bild: ©A. Abbas / Magnum Photos / Age

In Europa galt Apartheid als Sünde. Die niederländische reformierte Kirche in Südafrika sah das anders.

          5 Min.

          Theologen haben die Apartheid in Südafrika zu einem christlichen Projekt gemacht. Die Prinzipien der Ideologie meinten sie ausgerechnet in der Bibel zu finden. Wie es dazu kam, untersucht der evangelische Pfarrer Moritz Gräper in der englischsprachigen Studie „The Bible and Apartheid“. Darin betrachtet der Neutestamentler das Problem von zwei Seiten. Zum einen geht es um die hermeneutische Frage, wie Befürworter und Gegner der Apartheid die Bibel interpretierten, zum anderen um die historischen und geistesgeschichtlichen Bedingungen eines traurigen Kapitels südafrikanischer Christentumsgeschichte.

          Die Entwicklungen, die zur Apartheid führten, setzten im 17. Jahrhundert ein. Aus wirtschaftlichen Interessen siedelten Europäer an der südlichen Spitze Afrikas. Am Kap entstand eine multiethnische Gesellschaft, die Gräper zufolge durchdrungen war vom Anspruch weißer Überlegenheit und von der Furcht vor sozialer Nivellierung und „Rassenmischung“. Das wirkte sich auch auf eine evangelische, calvinistisch geprägte Kirche in der Region aus – die niederländisch-reformierte Kirche in Südafrika. Sie beeinflusste den weißen, afrikaanssprechenden Teil der Gesellschaft wie keine andere kirchliche Gemeinschaft.

          Auf einer Synode im Jahr 1857 ließ die Kirche nach Hautfarben getrennte Gottesdienste zu. Zunächst sei das eine pragmatische Entscheidung gewesen, schreibt Gräper. Zu dem Schritt entschloss sich die Synode nach eigenem Bekunden „wegen der Schwachheit einiger“. Der Schrift nach, hielt die Synode fest, sollten nämlich eigentlich alle Gläubigen ungeachtet ihrer Herkunft in eine gemeinsame örtliche Gemeinde eingebunden sein. Das geriet später in Vergessenheit. Denn Theologen schufen den geistigen Überbau der Apartheid, indem sie die Ideologie in Aufsätzen als gottgewollt und biblisch begründet rechtfertigten. Und zwar noch bevor die Nationalpartei 1948 an die Regierung kam und schrittweise die Apartheid einführte.

          Nach einer Einleitung und einem Abschnitt zum historischen Kontext stellt Gräper im dritten Kapitel des Buchs theologische Abhandlungen vor, die für und gegen Apartheid argumentieren. Zunächst geht es um Pro-Apartheid-Texte. Vier erschienen vor dem Wahlsieg der Nationalpartei, vier weitere danach.

          Der früheste relevante Aufsatz wurde 1941 veröffentlicht. Ein Funktionär der niederländisch-reformierten Kirche bezeichnet darin eine absolute Trennung der Rassen als unchristlich, rechtfertigt aber die Apartheid. Sie ziele darauf ab, „jeder Rasse die Möglichkeit zu geben, ihr Erbe zu bewahren“, fasst Gräper eine These des Autors zusammen. Gott habe verschiedene Nationen, Hautfarben und Sprachen geschaffen, damit sie getrennt voneinander existierten.

          Ein Vers aus der Apostelgeschichte soll das belegen: „Und er hat aus einem jede Nation der Menschen gemacht, dass sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, wobei er festgesetzte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnung bestimmt hat“ (Apg 17,26). Der in vielen Beiträgen aufgegriffene Vers wurde später zur willkommenen Legitimation für ein Gesetz, das für alle ethnischen Gruppen separate Wohngebiete festlegte. Die Gegner der Apartheid interpretierten die Bibelstelle anders. Nach ihrer Auffassung lehrt sie „die fundamentale Einheit der Menschheit in ihrer Vielfalt“.

          Einheit und Diversität sind laut Gräper die wichtigsten Prinzipien der Apartheid-Theologie. Diversität freilich verstanden im Sinne der Trennung und nicht der Vielfalt. Ein Theologe namens Totius schrieb in den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, Gott als Schöpfer sei zu allererst einer, der trenne und unterscheide. So werde es in der ersten Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis erzählt. Befürworter der Apartheid zogen erstaunlicherweise auch häufig einen Vers aus dem Galaterbrief heran: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). Die Einheit aller in Christus, so die Deutung im Sinne der Apartheid, sei spirituell.

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