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Rechte Ökos : Brauner Heimatschutz

Ein Schrebergarten in Dortmund ist mit deutschen Fahnen und Fähnchen geschmückt. Bild: dpa

Umweltthemen werden längst nicht mehr nur von den „üblichen Verdächtigen“ in die politische Diskussion gebracht.

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          Umweltschutz und ökologisches Leben liegen im Trend. Junge Menschen mieten Schrebergärten, Schüler gehen auf die Straße, um für den Klimaschutz zu demonstrieren, die Grünen haben einen enormen Zuwachs. Dass Naturschutz jedoch nicht nur grün und schon gar nicht unpolitisch sein muss, zeigen die Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem neuen Buch: „Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“ widmet sich der Frage, wie rechtsnationale und völkische Bewegungen schon seit langer Zeit versuchen, Natur- und „Heimatschutz“ für sich zu beanspruchen.

          Röpke und Speit sind Experten auf dem Gebiet des Rechtsextremismus, seit Jahren beschäftigen sie sich intensiv mit verschiedensten Aspekten der Szene. Gemeinsam haben sie mehrere Bücher verfasst, etwa über Frauen in der Neonazi-Szene oder die Geschichte rechter Gewalt. Diese Expertise wird auch in „Völkische Landnahme“ deutlich: Sehr detailliert und an unzähligen Beispielen zeigen die Autoren, wie völkische Bewegungen mehr und mehr den ländlichen Raum erobern. Sie unterwandern die lokale Infrastruktur und vernetzen sich dabei gleichzeitig deutschlandweit. Rechtes Gedankengut wird dabei oft über Generationen weitergegeben, Aussteiger gibt es wenige. Da völkische Bewegungen einem verloren geglaubten, ursprünglichen Idyll hinterhertrauern, spielen Natur- und Umweltschutz innerhalb der Szene eine große Rolle. Publikationen, wie die Zeitschrift „Umwelt & Aktiv“, die sich auf den ersten Blick lediglich Umweltthemen widmen, entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Kommunikationsplattform neuer Rechter.

          Diese Verbindungen, so zeigen Röpke und Speit auf erhellende Weise, haben eine Tradition, die in die Anfänge des zwanzigsten Jahrhunderts zurückreicht. Damals bildeten sich naturverbundene Bewegungen, die sich in einer Vielzahl von Vereinsgründungen niederschlugen. Nicht alle waren zwangsläufig rechts, doch gingen Natur- und Heimatschutz häufig Hand in Hand. Einige von ihnen haben bis heute ihren Einfluss nicht verloren: „Nationalsozialismus und heutiger Rechtsextremismus sind ohne die politische Vorarbeit durch zahlreiche Bünde, Gilden oder Landsmannschaften aus den 1920er Jahren nur schwer denkbar“, schreiben die Autoren.

          Im Dritten Reich wurde Naturschutz gefördert, da der Mensch, so der Gedanke, sich in der ihn umgebenden Landschaft widerspiegele: „Sie kann das edle Antlitz seines Geistes und seiner Seele ebenso wie auch die Fratze des Ungeistes, menschlicher und seelischer Verkommenheit sein“, heißt es beispielsweise 1942 in der „Landschaftsfibel“. Die Landschaft konnte zu diesem Ziel durchaus auch geformt werden, so wurden etwa um Auschwitz herum Hecken für die heimische Vogelwelt angelegt und Naturschutzgebiete beantragt. Eine Vielzahl der damaligen Umweltschützer blieben nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv und haben auch postum noch einen guten Ruf. Dies gilt nicht nur für die rechte Szene. Naturschutz, so lange die Annahme, habe nichts mit Politik zu tun.

          Röpke und Speit wollen das Gegenteil beweisen. Dabei ist die Gründlichkeit, mit der sie diverse Protagonisten und Strömungen aufzählen, beeindruckend. Das führt aber zuweilen dazu, dass es schwerfällt, den Überblick zu behalten. Einige Schlüsselfiguren tauchen zwar immer wieder auf, eine Vielzahl der Namen gehen nach einmaliger Nennung jedoch wieder unter. Dass die meisten der zahlreichen Biographien nur kurz angerissen werden, mag dem Anspruch geschuldet sein, die komplexen Strukturen der völkischen Szene so vollständig wie möglich erfassen zu wollen. So kommen einzelne Figuren jeweils nur kurz in den Blick, doch entsteht ein vielseitiges Panorama der unterschiedlichen Gruppierungen, das teilweise fast ins Groteske reicht: „Stukkateur Jens Beutel, aus dem nahe gelegenen Bad Bibra stammend, nannte sich bei Facebook lange ,Mühlenschrat Lichtsucher‘. Sein Markenzeichen ist der Zwirbelbart, oft trägt er eine mit Fantasieemblemen verzierte Kopfbedeckung“, heißt es etwa an einer Stelle.

          Das völkische Spektrum versammelt ein ganzes Sammelsurium von kuriosen Persönlichkeiten und Biographien aus allen möglichen Richtungen. Sprösslinge strammer Neonazi-Dynastien treffen auf Esoteriker, Anhänger der Waldorf-Bewegung und Gründungsmitglieder der Grünen. Viele dieser Verbindungen sind überraschend – und erschreckend. In „Umwelt & Aktiv“ erklärt Rainer Langhans „wie ,richtig‘ es sei, keine Berührungsängste gegenüber rechten Tierrechtlern zu haben“. Als durchgeknallte Spinner sollte man diese Leute aber nicht abtun. Röpke und Speits Buch ist auch deshalb so gut, weil es zeigt, welche Gefahr von scheinbar abseitigen Gruppen und Vereinen ausgeht.

          Andrea Röpke / Andreas Speit: Völkische Landnahme. Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos.

          Ch.Links Verlag, Berlin 2019. 208 S., 18, - .

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