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Rauf Ceylan/ Michael Kiefer: Salafismus : Den Altvorderen nacheifern

  • -Aktualisiert am

Ein Salafist hält am 7. April 2012 in Offenbach einen Koran in den Händen Bild: ddp images/Mario Vedder

Vor allem die Neo-Salafija in Deutschland ist ein Phänomen, dessen tiefere Hintergründe noch gar nicht aufgehellt sein können. Denn angesichts der kurzen Geschichte des europäischen Salafismus gibt es nicht genügend empirisches Material, auf das man sich stützen könnte.

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          Noch vor zwanzig Jahren hätte sich in Deutschland niemand vorstellen können, dass man sich einmal um Salafisten kümmern müsse - und doch ist es so gekommen. Zwar sind es nur ein paar tausend Anhänger dieser besonders rigorosen Ausrichtung des Islam (von insgesamt 4,2 Millionen Muslimen in unserem Land), doch der Wirbel, den sie machen, ist erheblich. Dies hat auch damit zu tun, dass in einigen Ländern Nordafrikas und Vorderasiens die Salafisten eine nicht gerade einflusslose Gruppe von Muslimen stellen. Vor allem Saudi-Arabien lässt nur wenige Gelegenheiten verstreichen, um diese Gruppierungen überall in der Welt zu unterstützen. Zuletzt war dies in Ägypten der Fall, wo sich die salafistische Partei sogar von den ihrer Meinung nach zu laxen fundamentalistischen Muslimbrüdern absetzte.

          Rauf Ceylan und Michael Kiefer, beide Islamwissenschaftler in Osnabrück, widmen sich in einer knappen, gedrängten Studie dieser Erscheinung. Vor allem die Neo-Salafija in Deutschland ist ein Phänomen, dessen tiefere Hintergründe noch gar nicht aufgehellt sein können. Denn angesichts der kurzen Geschichte des europäischen Salafismus gibt es nicht genügend empirisches Material, auf das man sich stützen könnte. Immerhin: Einiges bekommen die beiden Autoren doch zusammen.

          Nach einer Einführung in die Entstehung des Islam auf der Arabischen Halbinsel - sozusagen im Nachgang der von Karl Jaspers beschriebenen „Achsenzeit“ - widmen sie sich fundamentalistischen Strömungen, die in gewissen Abständen immer wieder aufkamen in der Geschichte des Islam, um gegen „Sünde und Dekadenz“ bei den Altvorderen (salaf) Schutz und Widerstand zu suchen. Es entstand eine rückwärtsgewandte Vision eines Goldenen Zeitalters, das im Kern die Ära des Propheten Muhammad (Mohammed) und seiner unmittelbaren Nachfolger, der rechtgeleiteten Kalifen, umfasste, kurz: den Frühislam. Damals soll die Gesellschaft gerecht gewesen sein - ein weitgehend historisches Konstrukt, das jedoch immer wieder seine Faszination entfaltet hat und dies auch heute wieder tut.

          So etwa unter Ibn Taimija (1263 bis 1328), der heutzutage von vielen als Stammvater des Salafismus angesehen wird. Dieser Religionsgelehrte wirkte zu einer Zeit, da Wirren - nicht zuletzt die Einfälle und Verheerungen der Mongolen - die islamische Welt heimgesucht und geschwächt hatten. Da galt es, die Reihen wieder zu schließen und den „Altvorderen“ in puncto Scharia-Strenge nachzueifern. Auch die zeitgenössischen fundamentalistischen Strömungen, erst recht die Salafisten, bedienen sich wieder bei Ibn Taimija. Einem ähnlichen Muster des (vorgeblichen) „back to the roots“ bediente sich im 18. Jahrhundert Muhammad Ibn Abdal Wahhab (1703 bis 1792), der mit seiner Schrift „Risala al Tawhid“ (Traktat über die Einheit und Einzigkeit Gottes) zum Stammvater des Wahhabismus wurde, der bis zum heutigen Tag bestimmende Lehre in Saudi-Arabien ist. Von dort strahlt er weithin aus - bis nach Mali, Nigeria oder im Osten Pakistan und Afghanistan.

          Eine Zäsur, die für das Entstehen des Salafismus wie anderer fundamentalistischer Bewegungen konstituierend gewesen ist, war das Zeitalter der Kolonisierung großer Teile des Orients seit Bonapartes Invasion 1798. Auf diese von außen erfolgte, fremdbestimmte Modernisierung reagierten die Muslime auf zweierlei Weise: mit „Herodianismus“ oder „Zelotismus“, um zwei Ausdrücke des englischen Historikers Arnold Toynbee zu verwenden. Die „Herodianer“ reagierten mit radikaler Modernisierung unter Zurückdrängung der Religion. Für sie stehen Namen wie Muhammad Ali in Ägypten, Mustafa Kemal Atatürk in der Türkei oder Schah Reza Pahlewi in Iran. Getragen wurde dies vom Streben nach Säkularisierung als einem ideologischen Fortschrittsglauben, der in der Türkei am stärksten ausgeprägt war.

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