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Rainer Barzel : Das Stehaufmännchen der Bonner Republik

  • -Aktualisiert am

Rainer Barzel 1972 bei einem Bier mit Willy Brandt. Bild: Foto Imago

Rainer Barzel wollte früh hoch hinaus. Aber immer wieder stand er sich auch selbst im Weg. Die erste auf Akten basierende Biographie über einen letztlich gescheiterten Hoffnungsträger.

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          Rainer Barzel zählt zu den wichtigsten Politikern der Bonner Republik. Er führte die CDU aus der Ära Adenauer hinaus und hielt ihre Fraktion in der Opposition beisammen. Mit dem dramatischen Misstrauensvotum, der Wahlniederlage 1972 und der Flick-Affäre durchlebte er zugleich die größten Krisen der Bonner CDU. Da Barzel nie Kanzler wurde, gerät er nun zunehmend in Vergessenheit. Diese erste archivgestützte Biographie kämpft dagegen an.

          Wie sie zeigt, war Barzels Leben durch aufstrebenden Ehrgeiz, rasche Erfolge und zahllose harte Rückschläge gekennzeichnet. Mit 17 Jahren meldete er sich im Zweiten Weltkrieg freiwillig als Offiziersanwärter zur Luftwaffe und wurde Leutnant, aber nicht wie erhofft Pilot. Nach Kriegsende studierte er in Köln Jura und legte bereits mit 23 Jahren ein Buch über die „geistigen Grundlagen der Parteien“ vor. Stark katholisch geprägt, schloss er sich der Zentrumspartei an, da ihm die CDU zu protestantisch und rechts erschien. Hier stieg er an der Seite von Carl Spieker auf, doch die Zentrumspartei blieb erfolglos. Barzel wechselte deshalb 1954 zur CDU und zog bereits drei Jahre später, mit nur 33 Jahren, in den Bundestag ein. Auch dort ließ die erste Krise nicht lange auf sich warten. Als das von ihm mit aufgebaute Komitee „Rettet die Freiheit“ auch einen CDU-Bundestagsabgeordneten als Kommunisten denunzierte, geriet Barzel ins Straucheln. Ebenso erschien seine programmatische Schrift über die „christlichen Grundlagen“ der CDU selbst Adenauer als zu katholisch.

          Im letzten Kabinett Adenauers fand er als Minister für gesamtdeutsche Fragen zu einem seiner Lebensthemen. Wambach betont, Barzels pragmatischer Kurs habe die Deutschlandpolitik von Erhard bis Kohl geprägt. Bereits 1963 leitete er den Freikauf von politischen Gefangenen aus der DDR ein. Humanitäre Verbesserungen gegen Devisen zu erreichen kennzeichnete seine Strategie.

          Barzels eigentliches Wirkungsfeld war und blieb die CDU/CSU-Fraktion. Mit nur 40 Jahren übernahm er deren Leitung und hielt sie mit straffer Führung und Kompromissen beisammen. Barzel galt bereits seit Mitte der 1960er Jahre als der kommender Kanzler und glänzender Redner und Organisator. „Keiner spricht wie Rainer“, titelte die „Bild“-Zeitung 1968. Zugleich wurde er nie das Image los, kühl, glatt und karriereorientiert zu sein. Auch in den folgenden Jahren gelang es ihm nicht, feste innerparteiliche Truppen um sich zu scharen. So scheiterte er 1966 deutlich als Erhard-Nachfolger. Dafür glänzte er als Fraktionsvorsitzender und einer der wichtigsten Köpfe der Großen Koalition. In enger Zusammenarbeit mit Helmut Schmidt baute er zahlreiche Brücken, etwa bei den Notstandsgesetzen.

          Wiederum folgte auf den Höhenflug der Absturz. Am Wahlabend 1969 beanspruchte Barzel noch etwas arrogant den Führungsanspruch der CDU. Einige Stunden später wanderte seine Partei erstmals auf die Oppositionsbank. Dafür rückte Barzel nun zum unbestrittenen Oppositionsführer auf. Auch amerikanische Präsidenten empfingen ihn als kommenden Kanzler.

          Keine neuen Funde bietet die Biographie zum berühmtesten Drama um Barzel – dem gescheiterten Misstrauensvotum 1972. Bekanntlich scheiterte es, da zwei korrupte Abgeordnete der CDU/CSU gegen ihn stimmten. Beide waren seit längerem für die Stasi tätig und erhielten dafür je 50 000 Mark. Mit Verweis auf spätere Aussagen Dritter deutet Wambach den bekannten Verdacht an, dass auch die SPD Geld übermittelte, freilich weiterhin ohne klare Belege.

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