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Rainer Barzel : Das Stehaufmännchen der Bonner Republik

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Die Biographie verdeutlicht detailliert, wie Barzel die Fraktion mit Kompromissen zu einer mehrheitlichen Enthaltung brachte, um die Ostverträge nicht scheitern zu lassen. Dabei habe Barzel seine taktischen Manöver zu wenig kommuniziert, so dass der Unmut des konservativen Flügels wuchs. Da Barzel gegen Brandts außenpolitisches Renommee nicht ankam, setzte er im Wahlkampf 1972 auf die Wirtschafts- und Innenpolitik, womit er in der aufgeheizten Debatte kaum punkten konnte. Besonders die CSU und die Konservativen sorgten dafür, dass Karl Carstens nach der Niederlage die Fraktionsführung übernahm.

Wambachs Buch verspricht eine „neue Sichtweise auf die Entwicklung der CDU“. Bis zu Barzels Wahlniederlage wird freilich Barzels Engagement in der Partei kaum erwähnt. Im Vordergrund stehen vielmehr Machtkämpfe und Fraktionsarbeit. Dies zeigt indirekt, dass Barzel erst nach der Niederlage 1972 die Partei entdeckte. Nun forderte er Programmdebatten, mehr Hauptamtliche und eine bessere Organisation. Dies wirklich umzusetzen, trauten die Delegierten jedoch eher Helmut Kohl zu, der Barzel beerbte.

Barzel blieb weiterhin ein aktiver Abgeordneter, der wichtige Ausschüsse leitete. Er schrieb Bücher, Zeitungskolumnen und erwog sogar hauptberuflich zu Gruner und Jahr zu wechseln. Erneut stieg Barzel politisch auf: 1982 wurde er Bundesminister, dann Bundestagspräsident. Doch er scheiterte an dem Ziel, Bundespräsident zu werden.

Mit der Flick-Affäre erfolgte sein tiefster Absturz. Wie die Republik nun erfuhr, hatte Barzel ab 1973 von der Frankfurter Kanzlei Dr. Paul zunächst jährlich 300 000 Mark von Flick erhalten, obgleich er kein zweites Staatsexamen besaß. Dabei hatte die CDU/CSU-Fraktion ihm gleichzeitig, zusätzlich zu seinen Diäten, noch ein großzügiges Übergangsgeld von insgesamt 96 000 Mark gezahlt. Da Barzel als Gegenleistung nur 50 dünne Gutachten schrieb, erschien er auch vielen Christdemokraten nicht mehr haltbar. Er trat zurück und bekam 1987 keinen aussichtsreichen Listenplatz. Wambach trägt hier die öffentliche Debatte abgewogen zusammen. Barzels Rücktritt bewertet er auch als ein Opfer, um Kohl zu halten, der ebenfalls Spenden von Flick bekommen hatte.

Wambachs Biographie deutet gelegentlich weniger Bekanntes zum Privatmann Barzel an. So schrieb Barzel unter Pseudonym Anfang der 1950er und Ende der 1970er Jahre Romane, deren Qualität die Verlage jedoch nicht überzeugte und die so unpubliziert blieben. Bekannt sind die schweren privaten Schicksalsschläge, der frühe Tod von Tochter und Frau. Kaum erklärt wird Barzels offenbar großes Bedürfnis nach Geld. Nur ein Satz bestätigt die „Spiegel“-Enthüllung, dass Barzel 1959 bis 1961 bereits 60 000 Mark von der Rüstungsfirma Hentschel erhielt, schon hier eine damals gewaltige Summe für eine überschaubare Beratung. Mitunter schimmert durch, dass Barzel oft lange Urlaubsreisen machte. Selbst in heißen Phasen verschwand er drei Wochen in den Skiurlaub, was seine Position im Bonner Haifischbecken oft gefährdete.

Es ist sehr zu bedauern, dass diese lesenswerte Biographie nicht in einem Publikumsverlag erschien und überteuert ist. Wer dieses Buch liest, erfährt viel über die Machtkämpfe und Intrigen in der Politik. Wambach hat umfassend Akten ausgewertet und zahllose Interviews geführt. Dass seine Biographie als Dissertation entstand, merkt man beim Lesen nicht. Sie ist sehr anschaulich geschrieben, durchweg mit Sympathie und Verständnis für die Nöte des Protagonisten. Rätselhaft bleibt, wie Barzel die vielen Rückschläge aushalten konnte und immer wieder aufstand.

Kai Wambach: „Rainer Barzel“. Eine Biographie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019. 954 S., 98,– .

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