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Protestbewegung : Das Phänomen Pegida

  • -Aktualisiert am

Ein Anhänger des islamkritischen Bündnisses Pegida am 01. Juni 2015 in Dresden Bild: dpa

Immigration gilt als Gefahr für den heimischen Arbeitsmarkt. Solche Vereinfachungen, die auf diffusen Ängsten basieren, kommen an.

          Als am 20. Oktober 2014 in Dresden die erste Demonstration der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) rund 350 Teilnehmer mobilisierte, war deren kontinuierliches Anwachsen nicht abzusehen. Und der Höhepunkt der Proteste am 12. Januar 2015 mit 25 000 „Abendspaziergängern“ ließ keineswegs das baldige Abflauen erahnen. Das Phänomen Pegida samt seiner Ableger gibt Rätsel auf: Was sind die Ursachen? Wer steht dahinter? Wie beeinflusst diese nicht linke Bewegung den öffentlichen Diskurs?

          Knapp fünf Monate nach dem Beginn der Montags-Kundgebungen legte ein Göttinger Autorentrio um den Politikwissenschaftler Franz Walter, das mit seiner Protestforschung abermals Neuland betritt, eine erste größere Studie zu Pegida vor: essayartig und empirisch, deskriptiv und analytisch, vergleichend und bewertend. Die acht Kapitel erzählen die Entstehungsgeschichte, geben Eindrücke von „Abendspaziergängen“ wieder, referieren Ergebnisse einer Direkt- und Online-Umfrage.

          Diese wohl nicht repräsentativen Daten - die Teilnehmer, mit mittlerem Einkommen und leicht überdurchschnittlichen Bildungsabschlüssen, seien mehrheitlich männlich, konfessionslos, vollerwerbstätig, Anhänger der „Alternative für Deutschland“ - stimmen weithin mit denen anderer Forscher überein. Die qualitativen Erhebungen, ermittelt in Gruppendiskussionen, fördern aufschlussreiche Erkenntnisse zutage: so das Loblied auf Sachsens Natur und Kultur, auf die Mentalität seiner Bewohner sowie deren Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Grünen firmieren als Feindbild. Der deutsche Präsident Joachim Gauck missfällt mit seiner dezidiert westlichen Position, der russische Präsident Wladimir Putin gefällt, gilt als Retter in der Not („Putin hilf“). Die Demonstranten, politisch interessiert und informiert, aber nicht frei von verschwörungstheoretischen Anklängen, verspürten Unbehagen mit der politischen Elite.

          Lars Geiges, Stine Marg und Franz Walter haben verdienstvollerweise auch „No-Pegida“-Teilnehmer befragt (weiblicher, jünger, gebildeter, rot-rot-grün ausgerichtet), es allerdings versäumt, in Gesprächsrunden nachzuhaken. Wären dann nicht - ebenso wie bei Pegida-Anhängern - Ressentiments zutage getreten, zum Beispiel antideutsche? Suggestive Bilder von „Pegidisten“ (mit einem „Islam=Karzinom“-Plakat etwa) sind im Buch abgedruckt, jedoch keine ihrer Gegner.

          Die zum Teil als „Lügenpresse“ verteufelten Medien erklären sich, so die Verfasser, das Aufkommen von Pegida auf zweierlei Weise. Sehen die einen Kommentatoren darin ein aus vielen europäischen Demokratien bekanntes (rechts-)populistisches Phänomen, so erkennen die anderen ein eher sächsisches, wenn nicht ein Dresdner Spezifikum, das in mangelnder Weltoffenheit wurzele. Die inhaltliche Nähe zwischen den Pegida-Demonstranten und der „Alternative für Deutschland“ sei augenfällig, trotz mancher Versuche dieser Partei, Distanz zu wahren. Wie das Kapitel zur Pegida-Rezeption im Ausland belegt, ist dort eine derartige Bewegung ohne nachhaltige Resonanz geblieben - nicht wegen des fehlenden, sondern wegen des grassierenden Rechtspopulismus im Parteiensystem.

          Immigration gilt als Gefahr für den heimischen Arbeitsmarkt. Solche Vereinfachungen, die auf diffusen Ängsten basieren, kommen an. Wer allerdings populistische Parolen abfällig von oben herab behandele, provoziere erst recht ressentimentbehafteten Missmut. Gegenwärtig erscheine die Anhängerschaft der SPD „immun“, doch erhielten in anderen europäischen Demokratien wie Frankreich rechte populistische Strömungen gerade von Wählerschichten aus dem linken Milieu Zulauf. Insofern können zivilgesellschaftliche Aktivitäten nicht nur Ausdruck eines libertären, sondern auch eines illiberalen Wertewandels sein.

          Obwohl nicht ganz aus einem Guss und mit einigen polemischen Seitenhieben versehen, erhellt die brandaktuelle Inspektion informationsreich aus erster Hand eine in ihrer Resonanz beispiellose Bewegung, die das Misstrauen von „Mut-Bürgern“ oder „Wut-Bürgern“ (je nach Perspektive) gegenüber dem Establishment verdeutlicht. Gängige Kritik am Islam sei weniger von aufklärerischen Impulsen getragen als von antimuslimischen Ressentiments. Die lebendig geschriebene Studie kommt bei aller Schelte an dem simplen Weltbild der Pegida-Anhänger („Wir sind das Volk“), die einem identitären Politikbegriff huldigen, weithin ohne Antifaschismus-Reflexe aus.

          Ist der Gedanke, die jetzige Bewegung sei auch eine ostdeutsche Reaktion auf den nach 1989 bisweilen herrisch auftretenden Westen, recht kühn, denn seinerzeit überlagerte die Freude über die friedliche Revolution von unten manche Enttäuschung über leere Versprechungen von oben, so wohnt der folgenden These der Autoren mehr Realitätskraft inne: Die „Einheitsfront gegen rechts“ kann wider Willen Proteste beflügeln, weil Bürger die Vielfalt alternativer Positionen im Parlamentsbetrieb missen.

          Lars Geiges/Stine Marg/Franz Walter (Herausgeber): Pegida. Die schmutzige Seite der Zivilgesellschaft? Transcript Verlag, Bielefeld 2015. 207 S., 19,99 €.

          Vereinfachungen, die auf diffusen Ängsten basieren, hören „Mut-Bürger“ und „Wut-Bürger“ gern.

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