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Probleme der Migration : Viele prächtige Menschen

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge in Ungarn am 27. Juni 2015 Bild: dpa

Gegenwärtig produzieren vor allem Bürgerkriege, Staatszerfall, organisierte Grausamkeit und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Flüchtlinge und Migration. Massenmigration wird ein Dauerphänomen bleiben und im Laufe der nächsten Jahrzehnte „die ganze Welt verändern“.

          Migration ist kein neues Phänomen. In der Regel beginnt sie immer als direkt oder indirekt erzwungene Antwort auf missliche bis lebensbedrohende Entwicklungen an den Aufbruch-Orten und ist motiviert von der Hoffnung auf Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Wem es zu Hause gutgeht, macht sich nur in Ausnahmefällen die Mühen der Migration. Heute ist Migration eine Begleiterscheinung der Globalisierung. Das unterscheidet sie von früheren „Völkerwanderungen“. Über den Globus in der Globalisierungsphase kann man viel theoretisieren. Jedoch kann man bestimmt nicht sagen, dass die Lebensverhältnisse in allen Ländern und Kontinenten die Mindeststandards der Menschenwürdigkeit erfüllen. Im Gegenteil. Zugleich bewirkt die Globalisierung, dass durch die Medien und erdumspannende Kommunikation die Unterschiede der Lebensqualität zwischen den verschiedenen Ländern grell ins Bewusstsein treten.

          Gegenwärtig produzieren vor allem Bürgerkriege, Staatszerfall, organisierte Grausamkeit und wirtschaftliche Perspektivlosigkeit, Flüchtlinge und Migration. Aber was heißt schon gegenwärtig? Die Vorstellung, es müsste nur der eine oder andere Konfliktherd und strukturelle Schandfleck auf der Welt beseitigt werden, dann würden die Migrationsströme wieder zu überschaubaren Rinnsalen, trifft voll daneben. Stattdessen wird Massenmigration ein Dauerphänomen bleiben und im Laufe der nächsten Jahrzehnte in der Tat, wie es im Untertitel dieses Buchs heißt, „die ganze Welt verändern“. Sie, so gut es geht, zu steuern, das wird zu den Daueraufgaben der Politik gehören, und sich auf diese Veränderungen vorzubereiten, zu einer gesellschaftlichen Herausforderung. Und da liegt, neben den Migrationsmotiven in den Aufbruchländern, der zweite wunde Punkt dieser globalen Entwicklung. Denn in den Zielländern der Migration weiß man keine angemessenen Antworten, die über tagespolitisches oder auf momentanen Eindrücken beruhendes Reagieren hinausgingen. Weil das im Grunde alle wissen, kaum jemandem aber etwas anderes einfällt, ist die Migrations-Debatte so frustrierend kirchturmpolitisch - hitzig, perspektivlos, repetitiv, realitätsverneinend, zuweilen zynisch und nur ganz selten praktisch und ansatzweise lösungsgerecht.

          Zu Letzterem bietet auch dieser Sammelband leider nur wenig. Er ist eine Gemeinschaftsarbeit von 26 Autorinnen und Autoren, die alle als angestellte oder freischaffende Auslandskorrespondenten für deutschsprachige Medien dem Netzwerk „Weltreporter“ angehören. Das Netzwerk setzt sich für die Anerkennung journalistischer Qualitätsstandards ein. Darüber hinaus eint die Mitglieder offensichtlich auch ein moralisches Selbstverständnis, das, vereinfacht gesagt, auf den Axiomen der Aufklärung beruht, auf der Gleichheit, Vernünftigkeit und Verbesserungsfähigkeit aller Menschen. Dass sie damit in ihrem Berufsalltag zuweilen ins Stolpern geraten, kann vermutet werden.

          Demgegenüber geht in diesem Buch alles glatt. Die 21 Beispielgeschichten von Flüchtlingen bündeln sich zu einem weltumspannenden Panorama, in dem zwar die uns momentan besonders ins Auge fallenden Krisenherde im Vordergrund stehen: der Nahe und Mittlere Osten, Kenia, Somalia, Eritrea, Kongo. Zusätzlich erfahren wir auch etwas über Flüchtlinge aus den Philippinen, Myanmar oder El Salvador sowie über die Flüchtlingspolitik der EU, Australiens und über die Wanderarbeiter in China. Die Beiträge sind sehr anschaulich geschrieben, weil einzelne Menschen und ihre Erfahrungen in den Mittelpunkt gerückt werden. So haben die Flüchtlinge, deren Schicksal hier vorgestellt wird, einen Namen und ein Gesicht. Das ist zwar einerseits sympathisch und entgeht der Versuchung, über Flüchtlinge nur als „Masse“ zu reden. Andererseits ergibt sich so ein einseitiges und folglich unstimmiges Bild der komplexen Sachlage. Plädoyers für Mitmenschlichkeit sind nützlich, aber sie haben nur geringen Erklärungswert. Hier soll der Leser mit der Nase darauf gestoßen werden, dass die Flüchtlinge alles im Grunde prächtige Menschen sind, manchmal traumatisiert, in ihren Zielländern schlecht behandelt, aber dennoch dankbar und voll konstruktivem Potential. Das ist gewiss den Versuchen vorzuziehen, die Flüchtlinge als Bedrohung unserer Kultur, religiöse Fanatiker, gewaltbereite Faulenzer und (sofern männlich) als Freibad-Grabscher zu stigmatisieren.

          Über den als Buchtitel gewählten Begriff der „Flüchtlingsrevolution“ finden sich in der Einleitung ein paar originelle Überlegungen, die weiterzuführen und auszubauen wären. Revolutionen haben immer eine zerstörerische Seite, aus der manchmal etwas Konstruktives hervorgeht. Sie produzieren Verlierer und Gewinner. Solange bei der Flüchtlingsrevolution die Schleuserbanden die Gewinner sind, läuft ziemlich viel schief.

          WILFRIED VON BREDOW

          Marc Engelhardt (Hrsg.): Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert. Pantheon Verlag, München 2016. 521 S., 16,99 €.

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