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Probleme der Bundeswehr : Landsturm steht, Gegner geht . . .

  • -Aktualisiert am

Ein Soldat hält am 02.09.2010 auf dem Gelände des Standortkommandos Berlin in der Julius-Leber-Kaserne auf einem Übungsplatz seine Hände hinter dem Rücken. Bild: dpa

Martin Sebaldt will eine freiwillige Heimatschutztruppe zu den Waffen rufen mit 400 000 Frauen und Männern, die den „moralischen Drang spüren“ im „Interesse der Heimat Dienst zu leisten“. Diese Wochenend-Miliz müsste nicht nur den Schutz gegen hartgesottene russische Infiltranten leisten.

          Die Bundeswehr: nicht abwehrbereit? Gegenfrage: Wladimir Putin – angriffsbereit? Eigentlich nicht wirklich. Aber der gelernte Geheimdienstoffizier könnte in Zukunft verstärkt auf asymmetrische Kriegführung, Insurgenten, Cyberwarfare, fünfte Kolonnen setzen. Bisher hat er auf diese Weise immerhin die Krim erobert. Derzeit ist die Ostukraine an der Reihe. Vielleicht muss er zum Machterhalt in Zukunft mit einer Strategie der Reconquista ehemals russischer Territorien verstärkt die historische Größe Russlands zurückgewinnen. Wären dann auch die baltischen Staaten, Ostpolen, Rumänien oder Teile des Balkans gefährdet? Wohl kaum, solange die Nato moskaugesteuerte guerrillataktische „Befreiungsaktionen“ in russische Selbstverstümmelungen umwandeln kann.

          Was bedeutet das für Nato und Bundeswehr? Zu weiträumigeren Landoperationen befähigte konventionelle Nato-Kräfte mit hohem Abschreckungspotential gewinnen wieder größere Bedeutung: gepanzerte Verbände, mechanisierte Infanteriekräfte, starke Luftwaffenverbände. Dazu gehört natürlich auch eine adäquate Strategie. Hier setzt der Professor der Politikwissenschaften und Oberst der Reserve Martin Sebaldt mit seiner Kritik an. Das deutsche Heer hat derzeit nur noch zwei Divisionen, die einigermaßen zu größeren konventionellen Operationen im Zusammenwirken von Panzern, Infanterie und Artillerie befähigt sind. Selbst gemeinsam mit den Bündnispartnern könnte es mit einer Abschreckung an der Nato-Ostgrenze, je nach Bedrohungslage und Dauer einer Krise, mit diesen beiden Großverbänden tatsächlich etwas knapp werden. Hinzu kommt, dass es nach dem Aussetzen der allgemeinen Wehrpflicht keine größeren Reserven zur Ergänzung der aktiven Truppe gibt. Eine dauerhafte personelle Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr fehlt.

          Sebaldts zutreffende Lageanalyse mündet allerdings in einen eigenartigen Vorschlag: Er will eine freiwillige Heimatschutztruppe zu den Waffen rufen mit 400 000 Frauen und Männern, die den „moralischen Drang spüren“ im „Interesse der Heimat Dienst zu leisten“. Diese leichtbewaffnete Wochenend-Miliz müsste dann nicht nur den Schutz gegen hartgesottene russische Infiltranten leisten. Gleichzeitig wäre sie nach den Vorstellungen des Autors Personalreserve für die hochspezialisierten Soldaten der Berufsarmee im Krisenfall. Der Vorschlag ist sicher gut gemeint. Aber wer meldet sich zum Heimatschutz? Zweifellos wäre Johann Gottlieb Fichte, wenn er noch lebte, einer der ersten Freiwilligen gewesen. Wer kennt nicht sein Konterfei von 1813 als Landsturmmann. Aber ist es 2017 wirklich vorstellbar, dass Philosophieprofessoren oder Unternehmensberater sonntags ihre Zerstreuung nicht auf dem Golfplatz, sondern auf dem Truppenübungsplatz suchen?

          Auch die Idee der Personalreserve für die aktive Truppe ist sicher löblich. Aber von komplexeren Waffensystemen sollten Amateure die Finger lassen. Das kann nur schiefgehen. Sebaldt kritisiert auch eine Vernachlässigung der Bundeswehrstrategie. Zwar lägen viele Einzelkonzepte etwa für asymmetrische Auseinandersetzungen vor. Es fehle aber eine einheitliche Doktrin. Mit dem neuen General-Bühler-Konzept der Bundeswehr läuft diese Kritik allerdings ins Leere. Der Chefplaner der Bundeswehr, Generalleutnant Erhard Bühler, hat gemeinsam mit dem Generalinspekteur Volker Wieker die von Sebaldt aufgezeigten Probleme schon lange erkannt. Im Rahmen seiner Bundeswehrkonzeption, die in dieser Zeitung erstmals veröffentlicht wurde, werden die Fähigkeiten der Streitkräfte auf die neuen Risiken ausgerichtet und gestärkt.

          Allerdings stellt sich die Frage, ob das für die konventionelle Neuausrichtung benötigte personelle Potential an Berufs- und Zeitsoldaten ausreicht. Das trifft insbesondere für die Mannschaftsdienstgrade zu. Die Bundeswehr steht mit ihren knappen Mitteln in Konkurrenz zu attraktiven zivilen Arbeitgebern. Sebaldts Vorschlag, seine Heimatschutztruppe als Personalreserve zu nutzen, ist keine Lösung. Eine weitere Kernaussage des Autors, die Bundeswehr verschwinde aus dem Bewusstsein der Gesellschaft, ist empirisch nicht belegt. Die Streitkräfte nehmen immerhin Platz 4 von 12 auf der deutschen Vertrauensskala des „Global Trust Report 2017“ ein, weit vor Platz 9 der Regierung. Sie genießen das Vertrauen von 64 Prozent der Bevölkerung (die Regierung 38 Prozent). Auch über die materielle Ausstattung der Bundeswehr hat Sebaldt nachgedacht: zu viele zu komplizierte Waffensysteme, zu hohe Komplexität der Ausrüstung, zu viel Abhängigkeit von IT und Elektronik. Das trifft vielfach zu. So ist das Airbus-Transportflugzeuges A400M derzeit eher auf den Landtransport ausgerichtet. Aber diese Fehler sind nicht den Soldaten zuzurechnen, sondern der Politik und der von ihr geschützten Rüstungsindustrie.

          Martin Sebaldt: Nicht abwehrbereit. Die Kardinalprobleme der deutschen Streitkräfte, der Offenbarungseid des Weißbuchs und die Wege aus der Gefahr. Carola Hartmann Miles-Verlag, Norderstedt 2017. 149 S., 9,80 €.

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