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Der Geheimnisvolle : Alles, was man über Kim wissen kann

Festgenommen und umgebracht: Jang Song-thaek unterschätzte die Skrupellosigkeit Kim Jong-uns. Bild: Reuters

Wer kennt den nordkoreanischen Diktator? Anna Fifield hat erstaunlich viele Auskunftspersonen gefunden.

          Jeder, der über Nordkorea schreibt, hat ein Problem: den Mangel an verlässlichen Quellen und Informationen. Umso erstaunlicher ist es, wie viele gut informierte Gesprächspartner die „Washington Post“-Korrespondentin Anna Fifield für ihre Biographie über den Machthaber Kim Jong-un aufgetrieben hat. Darunter sind Verwandte des Diktators, die nie zuvor mit Journalisten gesprochen haben.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          In einer Reinigung irgendwo in Amerika spürte Fifield die Tante Kim Jong-uns auf, mit der er seine Kindheit in der Schweiz verbracht hat. An einem anderen geheimen Ort fand Fifield die Cousine des Machthabers, die mit dessen ermordeten Halbbruder Kim Jong-nam aufgewachsen ist. Beide Frauen leben mit falschen Identitäten im Exil in ständiger Angst vor dem Regime. Beide haben der Neuseeländerin tiefe Einblicke in die Familienverhältnisse der Kim-Dynastie gewährt. Sie habe sich vorgenommen, „alles herauszufinden, was es über Kim Jong-un zu wissen gibt“, schreibt die Autorin in ihrer Einleitung. Diesem Anspruch ist sie mit ihrem Buch „The Great Successor“ ziemlich nahe gekommen.

          So geht Fifield der Frage nach, warum Kim Jong-un und nicht sein älterer Halbbruder Kim Jong-nam auf den Thron gehoben wurde. Mit überzeugenden Argumenten verwirft sie die vielfach aufgestellte These, dass dem Älteren der Versuch zum Verhängnis geworden sei, 2001 mit seiner Familie das Disneyland in Japan zu besuchen. Fifield verweist nicht nur darauf, dass auch Kim Jong-un schon im Disneyland in Tokio war, ausgestattet mit einem falschen brasilianischen Pass. Sie findet auch mehrere Quellen aus dem Umfeld der Kims, die versichern, dass die Erbfolge 2001 längst geklärt war – und Kim Jong-nam bei seinem Vater schon früher in Ungnade gefallen war. Offenbar waren es nicht zuletzt die Intrigen von Kim Jong-uns Mutter, die ihrem Sohn erfolgreich den Weg zur Macht ebneten.

          Glücklicherweise widersteht Fifield der Versuchung, der so viele Berichte über Nordkorea erliegen, das ungewöhnliche Leben der Kims ins Lächerliche und Skurrile zu ziehen. Fifield zeigt, dass Dinge, die von außen absurd erscheinen, in der isolierten Diktatur der Kims durchaus Sinn ergeben. Zum Beispiel Kim Jong-uns Imitation seines Großvaters in Kleidung, Gestus und Aussehen. Die Autorin zitiert dazu einen nach Seoul geflohenen Nordkoreaner, der schildert, wie diese Verwandlung ihm in der Bevölkerung einen gewissen Zuspruch bescherte.

          Insgesamt leistet Fifield mit ihrer Biographie einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Rezeption eines Mannes, der allzu oft als Witzfigur oder Verrückter dargestellt wird. „Tatsächlich wäre es verrückt, wenn Kim Jong-un nicht nach Atomwaffen streben würden“, schreibt Fifield, die rund ein Dutzend Mal Nordkorea besucht und acht Jahre lang für die „Financial Times“ und die „Washington Post“ aus Seoul berichtet hat. Seit kurzem ist sie Büroleiterin der „Washington Post“ in Peking.

          Es gibt vermutlich keinen anderen Nordkorea-Experten, der mit so vielen Leuten gesprochen hat, die Kim Jong-un persönlich kennengelernt haben. Fifield beschreibt einen Mann, der dafür, dass er mit nur 27 Jahren ohne große Vorbereitung die Macht übernahm, erstaunlich souverän und gewieft agiert. Einen Narzissten, Choleriker, ruchlosen Machtmenschen und kühlen Strategen.

          In ihrem Buch lässt sie sich von der Frage leiten, wie Kim Jong-un es geschafft hat, den zahlreichen Unkenrufen zu trotzen, die seiner Herrschaft nur eine kurze Dauer prophezeiten. Bekanntlich sicherte er sich mit Säuberungskampagnen den absoluten Gehorsam seines Umfelds. Nicht bekannt war bisher, was Fifield von der Entourage des früheren Basketballspielers Dennis Rodman erfahren hat: dass Jang Song-thaek, der Onkel, den Kim Jong-un ermorden ließ, die Angewohnheit hatte, seinen Neffen in aller Öffentlichkeit wie ein Kind zu behandeln und ihm das Cola-Trinken zu verbieten. Offenbar unterschätzte Jang die Skrupellosigkeit, mit der Kim seine Macht zu sichern gedachte. Wahrscheinlich gereichte es ihm auch nicht zum Vorteil, dass er, wie Fifield schreibt, kein Geheimnis daraus machte, dass er den älteren Halbbruder Kim Jong-nam für den besseren Kandidaten hielt. Nicht zuletzt sollen es seine engen Verbindungen nach China gewesen sein und seine Ideen, Nordkorea nach dessen Vorbild zu formen, die ihm zum Verhängnis wurden.

          Zentral für den unerfahrenen Herrscher war es, sich den Respekt des mächtigen Militärs zu sichern. Fifield verweist darauf, dass er dies nicht erst mit der Förderung des Atomprogramms getan habe, sondern schon vor seiner Amtsübernahme als mutmaßlicher Initiator der Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffs „Cheonan“. Im Gespräch mit einem einst einflussreichen Überläufer skizziert sie zudem das Milieu der neureichen Pjöngjanger Elite, mit der der Diktator eine Clique an Loyalisten um sich geschart hat. „Es gibt jetzt Tausende Nordkoreaner, die ein finanzielles Interesse an seiner Führerschaft haben“, schreibt Fifield.

          Anders als manch anderer Beobachter glaubt sie nicht, dass das harsche Sanktionsregime den Diktator an den Verhandlungstisch mit Donald Trump getrieben habe. Sie sieht seine diplomatische Charmeoffensive ab Januar 2018 als logischen nächsten Schritt, nachdem Kim Jong-un seine Macht nach innen gesichert und nach außen eine glaubwürdige atomare Abschreckung aufgebaut hat. Fifield zeigt sich vorsichtig optimistisch, dass Kim „bereit sein könnte, einige seiner Raketen und Atomsprengköpfe abzugeben, um Sanktionserleichterungen zu erwirken und seine Herrschaft in den Augen der Welt zu normalisieren“. Wie die meisten Nordkorea-Fachleute geht sie aber davon aus, dass er niemals alle seine Atomwaffen aufgeben würde.

          Für solche Analysen muss man freilich keine Kim-Jong-un-Biographie lesen. Wohl aber, um zu erfahren, wie der Diktator sich verhält, wenn er gemeinsam mit einem britischen Diplomaten Karussell fährt – und auf einmal der Strom ausfällt.

          Anna Fifield: The Great Successor. The Secret Rise and Rule of Kim Jong-un.

          John Murray (Publishers), London 2019. 336 S., 20,83 Euro.

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