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Katharina Schulze : Mut zur Schwärmerei

Katharina Schulze am Tag der Landtagswahl 2018 Bild: Reuters

Die Vorsitzende der Grünen in Bayern präsentiert ein politisches Manifest. Immer engagiert, aufschlussreich, aber bei den Fakten in Einzelheiten nicht immer sattelfest.

          3 Min.

          Vorneweg: Es gibt wahrlich schlechtere Politikerbücher. „Mut geben, statt Angst machen. Politik für eine neue Zeit“ von Katharina Schulze, der Vorsitzenden der Grünen-Fraktion im bayerischen Landtag, liest sich flüssig. Gerade für Jüngere, denen Schulze mehr Macht geben will (aktives Wahlrecht mindestens von 16 an), bietet das Buch einen konzentrierten Einblick ins politische Geschäft und sogar in die Grundzüge politischer Theorie.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Was Schulze mit ihrem Koautor Alex Burger auf 200 Seiten ausbreitet, ist zum Großteil entweder nicht verkehrt oder zumindest nichts, wovor man sich fürchten müsste. Richtig ist zum Beispiel, dass Angst blockiert. Oder dass das Credo der CSU „Anreize statt Verbote“ bei manchen Problemen nicht weiterhilft – das zeigt sich gerade ja auch an der Corona-Krise, die in Schulzes Buch noch keine Rolle spielt. Richtig ist die Dringlichkeit, mit der sie hervorhebt, dass Menschheitsprobleme wie das Artensterben oder der Klimawandel in der nachhaltigen Bearbeitung keinerlei Aufschub erlauben. Und natürlich hat Schulze auch recht, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, warum Frauen in der Politik oder in Vorständen noch immer massiv unterrepräsentiert sind. Manche Rezensenten haben das Buch als „Manifest“ bezeichnet; das ist freilich arg hochgegriffen. Sätze wie „Der Homo oeconomicus ... wird nicht verschwinden. Aber er bekommt einen Homo politicus an die Seite gestellt, mit dem er künftig ringen muss. Und das ist gut!“ geben vor, mehr zu sein als sie sind.

          Schulze ist ein Star der Grünen. Ihre Strahlkraft geht unter anderem vom Eindruck vieler aus, dass sie ihr Herz auf der Zunge trägt. Wäre sie jünger, fühlte man sich vielleicht an Pippi Langstrumpf erinnert; da Schulze gegen Geschlechterstereotype ist, fiele einem außerdem noch Parzifal ein. Im Buch kommen immer wieder Formulierungen vor wie „Es nervt mich tierisch“ oder „super schnuckliges WG-Zimmer“. Schulze sieht darin einen Ausweis von Authentizität. Doch sie kultiviert dieses Sprechen auch. Wer weiß, dass die führenden Politiker schon eineinhalb Stunden vor den ersten Prognosen am Wahltag wissen, in welche Richtung es ungefähr geht, der findet Schulzes fiebrige Beschreibung ihrer Gemütslage kurz vor 18 Uhr etwas gewollt. An mehreren Stellen im Buch lässt sie einfließen, wie gerne sie Eis isst. Eis essen macht sympathisch. Aber nicht unbedingt, wenn sich der Eindruck aufdrängt, es werde systematisch eingesetzt.

          Pippi Langstrumpf ist gewitzt, mutig, selbstbewusst. Aber sie macht sich die Welt auch so, wie sie ihr gefällt. Im Fall von Schulzes Buch ist das nicht unproblematisch. Das fängt beim Titel an, der einen grünen Wahlkampfslogan aufgreift: „Mut geben, statt Angst machen“. Das Verb, das im Zusammenhang mit Mut üblicherweise verwendet wird, ist „machen“ – wie bei Angst. Das hätte aber wohl keinen so guten Rhythmus ergeben, und die Abgrenzung zur Angst wäre weniger stark gewesen. Als es im Buch um die Chancen der digitalen Transformation geht, schreibt Schulze: „Ich habe eine Bäckerei besucht, die sich die Digitalisierung zunutze macht, und festgestellt: Kein Mensch muss mehr um drei Uhr früh in der Backstube stehen. Man stellt am Abend vorher die Zutaten bereit, und der Backvorgang beginnt hoch automatisiert von ganz allein.“ Wir haben daraufhin Simone Imhof von der traditionsreichen Nürnberger Vollkornbäckerei Imhof gefragt, was sie von dieser Aussage hält. Die aufschlussreiche Antwort: „Das funktioniert zum Beispiel nur sehr bedingt mit biozertifizierten, gentechnikfreien Produkten, da diese ohne industriell vorgefertigte Backmischungen und chemische Zusatzmittel auskommen wollen und müssen, die wiederum dafür erschaffen wurden, dass Produkte maschinell, einfach und schnell zu verarbeiten sind. Die Frage ist also, ob man mit möglichst natürlichen Rohstoffen arbeiten möchte, die natürlichen Schwankungen unterliegen. Menschliche Arbeitszeit steht dabei für handwerklich professionelle Aufarbeitung, für Geschmack, natürliches Aroma und Bekömmlichkeit. Und mal so ganz nebenbei: Drei Uhr früh ist ganz schön spät für einen Bäcker ...“ Es gibt noch einige andere Stellen, die den Ansprüchen einer Wahlkampfrede allemal genügten, nicht aber denen eines politischen Buchs. Wenn Schulze zum Lobpreis der Energiewende schreibt, dass wir in Deutschland „so viel Strom“ haben, „dass wir ihn massenhaft exportieren“, dann ist das nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt gerade wegen der Energiewende auch Phasen, in denen Deutschland Strom importieren muss. Das wöge weniger schwer, wenn Schulze nicht an anderer Stelle stolz den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber zitieren würde. Der hat den Grünen attestiert, die einzige Partei zu sein, die „wissenschaftsbasiert und nicht populistisch“ arbeitete. Was hier zur ganzen Wahrheit fehlt? Dass die Partei etwa beim Thema Homöopathie zumindest in Teilen die wissenschaftliche Mehrheitsmeinung durchaus beiseite lässt.

          Eine der großen Stärken Schulzes ist ihre Emotionalität, ihr Mut zur Schwärmerei. Im sehr erfolgreichen Landtagswahlkampf hat sie so viele Leute für sich einnehmen können – in einem Buch ist Schwärmerei hingegen problematisch. So macht sie kein Hehl daraus, dass sie Barack Obama, dem sie schon persönlich begegnet ist, verehrt. Es hätte freilich nicht geschadet, zum Beispiel mal der Frage nachzugehen, wie ein Mann, der Hoffnungen sondergleichen weckte, ein gespaltenes Land hinterlassen konnte, das einen Donald Trump erst ermöglicht hat.

          Dieses Buch dürfte schon deswegen kein Fehler sein, weil Schulze sich dafür mit Politikfeldern befasst hat, auf denen sie bis dato nicht übermäßig bewandert war, und sich als komplette Politikerin präsentieren konnte. Es legt aber auch ihre Schwächen offen. Insofern schreibt Schulze ein bisschen in eigener Sache, wenn sie für „eine positive Kultur des Scheiterns“ wirbt.

          Katharina Schulze. Mut geben statt Angst machen. Politik für eine neue Zeit.

          Verlag Droemer, München 2020. 208 S., 18,– .

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