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Planung für den „Tag X“ : Die Sucht nach dem Untergang

KSK-Soldaten bei einer Übung im Jahr 2017. Bild: dpa

Die Unruhe über Rechtsextremisten in Sicherheitsbehörden wächst. Dirk Laabs hat ein Buch über sie geschrieben. Es liest sich so beruhigend wie eine Krebsdiagnose.

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          Was braut sich da zusammen? Die Frage stellt sich angesichts der jüngsten Skandale bei Bundeswehr und Polizei. Im einen Fall geht es um rechtsextreme Chats von Angehörigen des Frankfurter Spezialeinsatzkommandos (SEK), das deshalb aufgelöst wurde; im anderen ließen Panzergrenadiere ihrer Gesinnung mit rechtsextremen und antisemitischen Liedern, mit Gewalt und einem sexuellen Übergriff offenbar freien Lauf; in Litauen wohlgemerkt, das die Nazis einst besetzten und zu dessen Schutz die deutschen Soldaten eigentlich kommandiert worden waren. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zog daraufhin vergangene Woche einen kompletten Panzergrenadierzug mit über 30 Soldaten aus dem NATO-Einsatz ab – ein einmaliger Vorgang. Einzelfälle aber sind die rechtsextremen Skandale beim SEK und in der Truppe keine mehr. Wie gefährlich sind solche Umtriebe für unsere Demokratie?

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Mit seinem Buch „Staatsfeinde in Uniform“ liefert Dirk Laabs eine Antwort, die sich so beruhigend liest wie eine Krebsdiagnose. Militante Rechtsradikale suchen demnach die deutschen Behörden auszuhöhlen. Bei vielen handelt es sich um top ausgebildete Kämpfer, die nur darauf warten, das Deutschland am „Tag X“ wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Dann wollen sie mit ihren politischen Gegnern abrechnen. Mit Politikern, Journalisten und all jenen, die Widerstand leisten. Begriffe fallen: „Lager“, „Leichensäcke“, „Löschkalk“. Eine wirksame Verteidigung der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste gegen die Untergangssüchtigen? Fehlanzeige, so die Diagnose des Autors. Der Tumor wächst.

          Laabs ist kein Arzt, aber er ist vom Fach. Seit knapp zwanzig Jahren verfolgt der Journalist die Umtriebe des Terrorismus, zunächst des islamistischen, dann auch immer stärker des rechtsextremen in Deutschland, der spätestens seit den Morden des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) aufs öffentliche Bewusstsein drückt. Sein Buch „Heimatschutz“ über den NSU, das Laabs vor sieben Jahren gemeinsam mit Stefan Aust veröffentlichte, gilt als Standardwerk für alle, die sich mit der Terrorzelle beschäftigen. Sein Film „Der NSU-Komplex“ lief sogar auf Netflix. Gefragt war Laabs auch in den NSU-Untersuchungsausschüssen, die ihn als Gutachter zu Sitzungen einluden. Kurz: Laabs ist, auch wenn man bei Journalisten sparsam mit dieser Zuschreibung sein sollte, ein Experte.

          Umfangreiche Recherchen

          Seine Befürchtungen stützt der Autor auf umfangreiche Recherchen. Laabs wälzt Gerichtsakten und verschafft sich Zugang zu Ermittlungsunterlagen. Vor allem aber spricht er immer wieder mit Ermittlern, Insidern und Verdächtigen, die er mit Fakten und Widersprüchen konfrontiert. Die 19 Kapitel seines Buches sind durchzogen von Begegnungen mit ihnen. Auf diese Weise gelingt es Laabs, die verborgenen Beziehungsgeflechte Zug um Zug aufzudecken. Sie entstehen zwischen frustrierten Elitesoldaten des KSK, Mitgliedern von Spezialeinsatzkommandos und Straßenschlägern, bis hin zu einem früheren Personenschützer der Kanzlerin. Auch Unternehmer schließen sich an, ein Schießplatzbetreiber sowie Eigentümer von Firmen, die Sicherheitsdienste übernehmen. Dass Kontakte zur AfD gepflegt werden – geschenkt.

          Laabs schildert, wie die Akteure Gruppen gründen, die Namen wie Uniter und Nordkreuz tragen. Kurznachrichten werden geschrieben, geheime Treffen abgehalten. Vorräte werden angelegt, Waffen sowie Munition zusammengerafft und Schießübungen abgehalten. Parallel dazu werden Strukturen anderer Organisationen unterwandert oder übernommen. Dazu gehören Freimaurerlogen oder auch Reservisteneinheiten, die im Katastrophenfall den Behörden im Inland eigentlich helfen sollen.

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