https://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/planung-fuer-den-tag-x-die-sucht-nach-dem-untergang-17400590.html

Planung für den „Tag X“ : Die Sucht nach dem Untergang

KSK-Soldaten bei einer Übung im Jahr 2017. Bild: dpa

Die Unruhe über Rechtsextremisten in Sicherheitsbehörden wächst. Dirk Laabs hat ein Buch über sie geschrieben. Es liest sich so beruhigend wie eine Krebsdiagnose.

          4 Min.

          Was braut sich da zusammen? Die Frage stellt sich angesichts der jüngsten Skandale bei Bundeswehr und Polizei. Im einen Fall geht es um rechtsextreme Chats von Angehörigen des Frankfurter Spezialeinsatzkommandos (SEK), das deshalb aufgelöst wurde; im anderen ließen Panzergrenadiere ihrer Gesinnung mit rechtsextremen und antisemitischen Liedern, mit Gewalt und einem sexuellen Übergriff offenbar freien Lauf; in Litauen wohlgemerkt, das die Nazis einst besetzten und zu dessen Schutz die deutschen Soldaten eigentlich kommandiert worden waren. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zog daraufhin vergangene Woche einen kompletten Panzergrenadierzug mit über 30 Soldaten aus dem NATO-Einsatz ab – ein einmaliger Vorgang. Einzelfälle aber sind die rechtsextremen Skandale beim SEK und in der Truppe keine mehr. Wie gefährlich sind solche Umtriebe für unsere Demokratie?

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Mit seinem Buch „Staatsfeinde in Uniform“ liefert Dirk Laabs eine Antwort, die sich so beruhigend liest wie eine Krebsdiagnose. Militante Rechtsradikale suchen demnach die deutschen Behörden auszuhöhlen. Bei vielen handelt es sich um top ausgebildete Kämpfer, die nur darauf warten, das Deutschland am „Tag X“ wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Dann wollen sie mit ihren politischen Gegnern abrechnen. Mit Politikern, Journalisten und all jenen, die Widerstand leisten. Begriffe fallen: „Lager“, „Leichensäcke“, „Löschkalk“. Eine wirksame Verteidigung der Sicherheitsbehörden und Geheimdienste gegen die Untergangssüchtigen? Fehlanzeige, so die Diagnose des Autors. Der Tumor wächst.

          Laabs ist kein Arzt, aber er ist vom Fach. Seit knapp zwanzig Jahren verfolgt der Journalist die Umtriebe des Terrorismus, zunächst des islamistischen, dann auch immer stärker des rechtsextremen in Deutschland, der spätestens seit den Morden des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) aufs öffentliche Bewusstsein drückt. Sein Buch „Heimatschutz“ über den NSU, das Laabs vor sieben Jahren gemeinsam mit Stefan Aust veröffentlichte, gilt als Standardwerk für alle, die sich mit der Terrorzelle beschäftigen. Sein Film „Der NSU-Komplex“ lief sogar auf Netflix. Gefragt war Laabs auch in den NSU-Untersuchungsausschüssen, die ihn als Gutachter zu Sitzungen einluden. Kurz: Laabs ist, auch wenn man bei Journalisten sparsam mit dieser Zuschreibung sein sollte, ein Experte.

          Umfangreiche Recherchen

          Seine Befürchtungen stützt der Autor auf umfangreiche Recherchen. Laabs wälzt Gerichtsakten und verschafft sich Zugang zu Ermittlungsunterlagen. Vor allem aber spricht er immer wieder mit Ermittlern, Insidern und Verdächtigen, die er mit Fakten und Widersprüchen konfrontiert. Die 19 Kapitel seines Buches sind durchzogen von Begegnungen mit ihnen. Auf diese Weise gelingt es Laabs, die verborgenen Beziehungsgeflechte Zug um Zug aufzudecken. Sie entstehen zwischen frustrierten Elitesoldaten des KSK, Mitgliedern von Spezialeinsatzkommandos und Straßenschlägern, bis hin zu einem früheren Personenschützer der Kanzlerin. Auch Unternehmer schließen sich an, ein Schießplatzbetreiber sowie Eigentümer von Firmen, die Sicherheitsdienste übernehmen. Dass Kontakte zur AfD gepflegt werden – geschenkt.

          Laabs schildert, wie die Akteure Gruppen gründen, die Namen wie Uniter und Nordkreuz tragen. Kurznachrichten werden geschrieben, geheime Treffen abgehalten. Vorräte werden angelegt, Waffen sowie Munition zusammengerafft und Schießübungen abgehalten. Parallel dazu werden Strukturen anderer Organisationen unterwandert oder übernommen. Dazu gehören Freimaurerlogen oder auch Reservisteneinheiten, die im Katastrophenfall den Behörden im Inland eigentlich helfen sollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Hochsicherheitssaal des Landgerichts München I: Der Freistaat Bayern hat den Saal vor sechs Jahren auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stadelheim bauen lassen – für die besonderen Fälle.

          Wirecard-Prozess : Showdown in Stadelheim

          Der Untergang des Zahlungsdienstleisters ist einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Nun wird vor Gericht verhandelt, wer dafür verantwortlich ist. Ein Überblick über die wichtigsten Prozessbeteiligten.
          Zugriff: Polizisten führen am Montag Prinz Reuß ab

          Plante Umsturz : Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß?

          Eine Gruppe aus der „Reichsbürger“-Szene plante offenbar den Umsturz der demokratischen Ordnung Deutschlands. Rädelsführer soll ein Prinz aus Frankfurt sein – mit Hang zur Esoterik und Geldproblemen.
          Jetzt auch ohne negativen Test: Eine U-Bahn in Zhengzhou am 5. Dezember

          Null-Covid-Politik beendet : Xi Jinpings rasante Corona-Kehrtwende

          Nach den Protesten gegen die Null-Covid-Strategie entscheidet Xi Jinping sich zur Flucht nach vorn. Was die Führung in Peking gestern noch als Ausdruck des überlegenen chinesischen Systems pries, wird nun korrigiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.