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Pflege : Einblicke ins wirkliche Leben

Die helfende Hand: Hochwillkommen und unentbehrlich, aber die Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte sind hart. Bild: dpa

Sie sind längst unentbehrlich. Aber unter welchen Bedingungen arbeiten osteuropäische Pflegekräfte in Deutschland?

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          Ihre Namen sind Magda, Dorota, Katia, Maria, Dominika und Renata. Es sind nicht ihre richtigen Namen. Doch jedes Pseudonym steht für eine Geschichte, aufgeschrieben von Barbara Städtler-Mach, der Mitherausgeberin des Bands, dargestellt in jeweils einem eigenen Kapitel. Schon die Aufteilung macht deutlich, dass Städtler-Mach und Helene Ignatzi, die zweite Herausgeberin, hier keinen rein wissenschaftlichen Sammelband vorlegen wollten. Fachaufsatz und persönlicher Bericht wechseln sich stetig ab, hier die Zahlen und die Theorien, da die Geschichten – der Anspruch dieses Bands ist eben auch ein erzählerischer. Es wird denn auch rasch deutlich, warum die Herausgeberinnen, ihres Zeichens Professorinnen an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, sich für diese Form der Darstellung entschieden haben: Das Sujet ist weit davon entfernt, als überforscht gelten zu können. Und weil so vieles im Verborgenen bleibt, ist es methodisch auch einigermaßen anspruchsvoll, überhaupt zu belastbaren Erkenntnissen zu gelangen.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.

          Die Rede ist von der Situation osteuropäischer Betreuungskräfte, die – meist aus Polen stammend – zu Tausenden in deutschen Haushalten leben und sich, oft rund um die Uhr rufbereit, um Pflegebedürftige kümmern. „Grauer Markt Pflege“, so ist der Sammelband betitelt, und das Etikett trifft recht gut, was sich schon seit Jahren im deutschen Gesundheitswesen abspielt. Neben den zwei klassischen Säulen der Versorgung, der sogenannten stationären Altenpflege im Heim und der ambulanten Pflege durch professionelle Hilfsdienste zu Hause, hat sich längst eine dritte Säule etabliert: Helferinnen aus Osteuropa, die den Senioren im Alltag zur Seite stehen und ein Ausmaß an Begleitung leisten, das die gesetzlichen Pflegekassen offenkundig nicht immer abdecken. Fachleute, dies gibt der Band wieder, gehen von 700 000 Osteuropäerinnen aus, die in etwa 250 000 Haushalten arbeiten und den Schätzungen zufolge zu 90 Prozent illegal beschäftigt sind – zu Bedingungen also, die das deutsche Recht aus guten Gründen nicht toleriert. Dieser Umstand erklärt, warum es für Wissenschaftler so schwer ist, die Situation der Arbeiterinnen zu erforschen: Wer keinen offiziellen Status hat, wird kaum bereit sein, einem Wissenschaftler die Umstände der Beschäftigung genau zu skizzieren.

          Um dem Leser mehr als nur ein durch wenige Zahlen illustriertes Gefühl für die Rolle der osteuropäischen Helferinnen zu vermitteln, lässt die Mitherausgeberin also sechs Beteiligte selbst zu Wort kommen – und beschreibt sie, ihre Hintergründe, Motivationen und Erfahrungen auf diese Weise genauer, als es eine Auswertung weniger qualitativer Leitfadeninterviews je könnte. Man muss den Band daher weniger daran messen, wie weit er die Wissenschaft voranbringt – das gelingt nämlich nur begrenzt –, sondern am selbstgesteckten Ziel: öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen.

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