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Petra Terhoeven: Deutscher Herbst in Europa : Selbstviktimisierung der Systemgegner

  • -Aktualisiert am

Bild: Aus dem Buch von Petra Terhoeven: "Deutscher Herbst in Europa". Seite 284

Ein transnationaler, sich gegenseitig verstärkender Radikalisierungsprozess führte von den Studentenrevolten in der Bundesrepublik, in Italien und in Frankreich bis zu den tödlich beendeten Entführungen Hanns Martin Schleyers und Aldo Moros.

          Die Bilder des Herbstes 1977 haben sich tief in die kollektive Erinnerung in Deutschland eingegraben: der Ort der Verwüstung in der Kölner Vincenz-Statz-Straße, wo Hanns Martin Schleyer entführt wurde, der Audi 100 in Mulhouse, in dessen Kofferraum seine Leiche gefunden wurde, und dazwischen die Videobotschaften mit dem vorgehaltenen Schild seiner Gefangennahme. Auf eigentümliche Weise gleichen sie den Bildern der Entführung des vormaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro durch die Brigate Rosse (BR) im März 1978. Dass dies kein Zufall ist, stellt die Studie von Petra Terhoeven heraus, die den Linksterrorismus der siebziger Jahre aus einer transnationalen Perspektive in den Blick nimmt.

          Ihr geht es weniger um einen Vergleich zwischen verschiedenen nationalen Formen des Linksterrorismus (etwa zwischen RAF und BR) als vielmehr um die Ermittlung von Transferbeziehungen zwischen diesen „Subkulturen der Gewalt“. Dabei stehen nicht konkrete Kooperationen zwischen den terroristischen Gruppen im Vordergrund, sondern Kommunikationsprozesse in einem sehr viel weiteren Sinne von Bildern und Inszenierungen, Netzwerken und Öffentlichkeiten. In Anlehnung an jüngere Forschungen wird Terrorismus in erster Linie als Kommunikationsstrategie aufgefasst, deren größte Effizienz „mitnichten in ihren Taten, sondern in einer propagandistischen Umkehrung des Täter-Opfer-Verhältnisses gelegen hat“.

          In diesem Sinne lautet die zentrale These, dass die Gewalteskalation der siebziger Jahre und insbesondere der „deutsche Herbst“ 1977 „ohne diese transnationale Dimension, die in den Handlungsoptionen aller politischen Akteure eingeschrieben war, nicht hinreichend zu verstehen“ ist. Ein transnationaler, sich gegenseitig verstärkender Radikalisierungsprozess führte von den Studentenrevolten in der Bundesrepublik, in Italien und in Frankreich über die Formierung von Stadtguerrillas in Europa, die Entführungen des italienischen Staatsanwalts Mario Sossi und des deutschen Politikers Peter Lorenz mit ihrer anschließenden Freilassung und die europaweite Inszenierungsstrategie der Stammheimer Inhaftierten bis zu den tödlich beendeten Entführungen Schleyers und Moros.

          Diese transnationale Perspektive eröffnet den Blick auf einen Strang innerhalb eines Bündels von Eskalationsfaktoren, der den Zeitgenossen durchaus bewusst war, der in der Forschung hingegen bislang wenig gesehen wurde. Dabei konzentriert sich die Studie vorrangig auf Deutschland und Italien (und mit einigen Seitenblicken auf Frankreich), nicht - wie der Titel erwarten ließe - auf Europa insgesamt oder auf transnationale Beziehungen etwa zu palästinensischen Bewegungen. Zugleich werden die „transnationalen Resonanzräume“, Netzwerke und Milieus von Unterstützern und Sympathisanten nicht wirklich empirisch vermessen, so dass die Perspektive auf allgemeine Kommunikation statt auf konkrete Kooperationen wiederholt eher unscharf bleibt.

          Dieser Befund reflektiert ein Grundproblem der gegenwärtig prominenten transnationalen und globalen Herangehensweisen: Sie weiten den Blick und eröffnen zuvor verschlossene Sichtweisen, und sie neigen zugleich zum Panorama statt zum Fokus und zur Collage von Aspekten anstelle kausaler Begründungen und klarer Antworten. Das ist zum Teil Programm und bleibt doch unbefriedigend. So behauptet die Studie mit programmatischem Anspruch eine veränderte Sicht auf das Ganze, während sie zugleich „die vorrangige Relevanz des nationalen Kontextes“ bestätigt.

          Überzeugend greifbar wird die Bedeutung der transnationalen Dimension des deutschen Linksterrorismus anhand einzelner Aspekte, etwa der länderübergreifenden Aktivitäten der RAF-Anwälte. Insbesondere die Kanzlei von Klaus Croissant wurde zu einer wahren „PR-Zentrale“ der RAF. Von dort aus wurden die Narrative der „Isolationsfolter“, der „Vernichtungshaft“ und schließlich des „Staatsmordes“ in deutschen Gefängnissen verbreitet, die den vielfach überlieferten Haftbedingungen und dem zuweilen geradezu anrührenden Dilettantismus der deutschen Sicherheitsorgane diametral widersprachen. Einen besonderen Coup stellte dabei das Engagement von Jean-Paul Sartre dar, der Andreas Baader im Dezember 1974 (vor den Geiselnahmen und Morden seit 1975) in Stuttgart-Stammheim besuchte. Auch wenn das mühsame, von erheblicher Antipathie geprägte direkte Gespräch Baaders Hoffnungen tief enttäuschte, weil Sartre die Handlungen der RAF nicht rückhaltlos billigte, erfüllte der Besuch seinen Zweck unter Gesichtspunkten der Öffentlichkeitswirksamkeit voll und ganz. Sartre hatte zwar nur das Besucherzimmer gesehen, beglaubigte aber mit seiner Persönlichkeit vollumfänglich die Propaganda der Anwälte und der Inhaftierten von Psychofolter und Vernichtungshaft (und warf wahlweise die Frage nach der Integrität oder der Urteilskraft des Intellektuellen auf).

          Das im Anschluss an seinen Besuch gegründete „Internationale Komitee zur Verteidigung politischer Gefangener in West-Europa“ trug ein Weiteres dazu bei, die Bundesrepublik als „unmenschliches Deutschland“ zu diskreditieren. Die RAF und ihre Anwälte inszenierten einen „internationalen Verfolgungsdiskurs, bei dem sowohl die antideutschen Ressentiments im westlichen Ausland wie die Selbstviktimisierung der Systemgegner als politische Waffe eingesetzt wurden“. Mit dieser Kommunikationsstrategie einer Verkehrung von Ursachen und Folgen, mit der sie auch die westdeutschen Bestrebungen unterliefen, sich als ziviles Gemeinwesen zu begreifen, war der deutsche Linksterrorismus in der Tat europaweit erfolgreicher und wirkmächtiger als mit seinen konkreten Taten.

          Petra Terhoeven: Deutscher Herbst in Europa. Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales Phänomen. Oldenbourg Verlag, München 2014. 712 S., 59,95 €.

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