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Peter Ullrich: Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt : Verwirrende Einblicke

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Eine israelische Flagge weht an einem Wohnhaus im Delphinarium-Viertel in Tel Aviv. Bild: Röth, Frank

Die von Peter Ullrich konstatierte „diskursive Hyperkomplexität“ bewegt sich zwischen den Extremen einer unkritischen Israel-Solidarität auf der einen Seite und einer ans Antisemitische grenzenden, ebenso uneingeschränkten Israel-Kritik auf der anderen Seite.

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          Im Jahr 2011 löste Wolfgang Kraushaars Buch über Antisemitismus bei den „68ern“ zahlreiche Diskussionen über die Haltung „der Linken“ zu Israel und zur Nahost-Politik aus. In diesem Kontext ist Peter Ullrichs Buch zu verorten. Er will aufzeigen, „ob, wann und warum israelkritische Positionen zum Nahost-Konflikt nur kaschierter Antisemitismus“ beziehungsweise Rassismus sind. Im ersten Teil befasst er sich mit den durch „Antagonismen“ geprägten Reaktionen der deutschen Linken auf den Nahostkonflikt „zwischen radikalen Identifikationen und politischem Lernen“. Am Beispiel der Reaktionen auf den israelischen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte oder auf das Günter-Grass-Gedicht „Was gesagt werden muss“ stellt er Einordnungsschwierigkeiten dar, die zwischen linkem Antisemitismus, legitimer Kritik an Israels Besatzungspolitik und bedingungsloser Israel-Solidarität bestehen. Im zweiten Teil werden Beiträge wiederveröffentlicht über „kulturelle Bedingungen der konflikthaften Form des deutschen Erinnerungs- und Nahostdiskurses“. Im dritten Teil wird die Antisemitismus-Diskussion der Partei Die Linke analysiert.

          Im Vorwort schreibt Micha Brumlik, dass sich in Deutschland „das Freund/Feind-Schema“ in seiner ganzen Breite nur noch bei den Linken zeige, „und zwar dort, wo es um die Einschätzung und Bewertung des Staates Israel und seiner Politik geht“. Hier stünden sich „Israelfreunde“ und „Israelkritiker“ mit einer Unversöhnlichkeit gegenüber, die an die letzten Tage der Weimarer Republik erinnern würde. Ullrich relativiert, dass die Zeit der schlimmsten innerlinken „Nahost-Eskalation mit Schlägereien auf Demonstrationen“ und „Messerattacken“ vorbei sei. Die Debatten seien differenzierter, jedoch sei man nach wie vor zerstritten. Die von Ullrich konstatierte „diskursive Hyperkomplexität“ bewegt sich zwischen den Extremen einer unkritischen Israel-Solidarität mit rigiden Antisemitismusvorwürfen gegen alle, die diese uneingeschränkte Solidarität nicht aufbringen, auf der einen Seite und einer ans Antisemitische grenzenden, ebenso uneingeschränkten Israel-Kritik auf der anderen Seite. Er nimmt die Positionen in ihrer ganzen Heterogenität in den Blick. Diese bieten für jeden etwas: Es finden sich propalästinensische wie auch palästinafeindliche und -kritische Ansätze, dann antideutsche und antiimperialistische Gruppen ebenso wie israelfreundliche, israelfeindliche, antizionistische und antisemitische Positionen. Zu allen Positionen gibt es auch die sich jeweils über das Gegenteil definierenden Gegenparts wie „antiantizionistische“ oder „antiantiisraelische“ Gruppierungen.

          Die Einordnung der dargestellten Positionen wird für den mit diesen Diskursen nicht vertrauten Leser dadurch erschwert, dass unklar bleibt, wer mit „den Linken“ jeweils gemeint ist. Zwar wird eine auf den Nahost-Konflikt bezogene Definition gegeben, in der es heißt: „Links zu sein heißt im Nahostkonflikt mehr oder weniger stark die Palästinenserinnen zu unterstützen bzw. Israel kritisch bis feindlich gegenüberzustehen.“ Jedoch wird dies mit dem Hinweis eingeschränkt, dass dies vor allem für Teile „der radikalen, außerparlamentarischen, libertären und sozialistisch-kommunistischen Linken“ gelten würde. Diese begriffliche Unschärfe macht es teilweise schwierig nachzuvollziehen, ob die vorgestellten Positionen einen „linken“ Mainstream oder Extrempositionen von radikalen Splittergruppen abbilden, zumal Ullrich auch jeweils Beispiele für gegenteilige Positionen bringt.

          Bei seiner Analyse bedient sich Ullrich der „Kritischen Weißseinsforschung“. Diese geht davon aus, dass mit dem „Weißsein“ automatisch Privilegien und rassistische Denkmuster verbunden sind. Er setzt seine Betrachtung bei „unserer rassistischen deutschen Gesellschaft“ an, die den Nährboden gleichermaßen für antisemitischen wie auch für islam- und muslimfeindlichen Rassismus mit seinen unzulässigen „diskursiven Homogenisierungen der Konfliktparteien“ bietet. Da die Debatten bisher vor allem auf das Problem des Antisemitismus fokussiert sind, mahnt er die Auseinandersetzung mit „rassistischen Anschlüssen in linken Positionierungen“ an.

          Mit dem erklärten Ziel, neben der wissenschaftlichen Analyse zugleich ein Plädoyer für die „Anerkennung der Differenz“ und „Sinnhaftigkeit verschiedener Standpunkte“ zu halten, scheint sich das Buch vor allem an Rezipienten zu richten, die sich innerhalb der angesprochenen Diskurse bewegen und Teil der vom Autor angeführten radikalen Positionierungen sind. Wer eine tiefergehende sozialwissenschaftliche Analyse linker Nahost-Diskurse sucht, wird mit Ullrichs Buch auf seine Kosten kommen. Für alle anderen bietet der Band zumindest einen Einblick in die verwirrende Welt linker Sekten.

          Peter Ullrich: Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt. Politik im Antisemitismus- und Erinnerungsdiskurs. Wallstein Verlag, Göttingen 2013. 208 S., 19,90 €.

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