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Fatima Grimm : Eine der Ersten in Deutschland

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Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Ihr Vater war ein belasteter Mann, der SS-Obergruppenführer Karl Wolff, unter dessen Taten sie schon als junge Frau gelitten hatte. Offenkundig war die Welt des Islams fremd und fremdartig genug, um der 1934 geborenen Helga Wolff als Antidot zu dienen - als Weg, eigenständig zu werden.

          Lange bevor man in Deutschland etwas von islamistischen, gar salafistischen Umtrieben hörte, lange bevor man über das Kopftuch stritt, sind vereinzelt Deutsche zum Islam übergetreten, meistens Intellektuelle, wie Muhammad Assad, der eigentlich Leopold Weiß hieß und aus Galizien stammte, Wilfried Murad Hofmann, früherer deutscher Botschafter in Algerien und Marokko, oder der Schriftsteller Peter Schütt; auch Frauen waren darunter. Eine der ersten und bekanntesten war die 2013 verstorbene Fatima Grimm, die als Pionierin islamischen (Frauen)-Lebens in Deutschland angesehen werden kann. Ihre ungewöhnliche Lebensgeschichte ist jetzt von Schütt, einem ehemaligen Angehörigen der linken Szene, aufgezeichnet worden. Das Interview-Buch gibt Auskunft über ihr bewegtes Leben, das manchen befremden mag, zumal in einem Zeitalter, da Selbstbestimmung eher wegführt von der Religion.

          Ihr Vater war ein belasteter Mann, der SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Karl Wolff, unter dessen Taten sie schon als junge Frau gelitten hatte. Wolff war - als Vertrauter Himmlers - verantwortlich am Holocaust beteiligt gewesen. Offenkundig war die Welt des Islams fremd und fremdartig genug, um der 1934 geborenen Helga Wolff als Antidot zu dienen - als Weg, eigenständig zu werden und sich von der düsteren familiären Vergangenheit abzusetzen. Sie fasst das so zusammen: „Flucht wäre zu viel gesagt. Aber dieser Schritt (die Konversion zum Islam) hat mir ohne Frage geholfen, aus dem Schatten meines Vaters herauszutreten.“ Im Jahr 1961 war sie zum Islam übergetreten. Zusammen mit ihrem ersten Mann Omar, einem tschechischen Muslim und Orientalisten, ging sie für drei Jahre nach Pakistan als Entwicklungshelferin. Nach der Rückkehr engagierte sich Fatima Heeren, wie sie damals hieß, unter deutschen Muslimen in München und Hamburg. Nach ihrer Heirat mit Abdulkarim Grimm, einem Kapitän und Nachkommen Jakob Grimms in der vierten Generation, verstärkte sie die Tätigkeit an der Alster. Neben Aktivitäten zugunsten muslimischer Frauen standen Ämter in verschiedenen muslimischen Organisationen, wie der Muslim Liga. Auf vier Kontinenten war sie zu Hause, unermüdlich Vorträge über ihre Religion haltend, zu der sie nach einer Bekanntschaft zunächst mit den Zeugen Jehovas und der späteren Taufe als Katholikin, dann nach der Lektüre buddhistischer und hinduistischer Schriften schließlich gestoßen war.

          Fatima Grimm war eine der ersten deutschen Musliminnen überhaupt und hat sich auch als Theologin betätigt. Sie war an einer fünfbändigen kommentierten Übersetzung des Korans beteiligt und hat in zahlreichen Schriften zu Fragen der islamischen Lehre Stellung genommen. Über deren Einordnung - zumal im feministischen Kontext - wird heute teilweise recht kontrovers diskutiert: Während manche ihre Auslegungen der islamischen Quellen als Zeugnisse eines modernistisch angehauchten Traditionalismus durchaus schätzen, sehen andere sie in der Nähe der Muslimbrüder. Die ideologische Verengung des Islams zu einer dogmatischen Kampfdoktrin, dem Islamismus und Dschihadismus, in den vergangenen Jahren sah sie am Ende mit großer Sorge.

          Peter Schütt: Fatima Grimm - Mein verschlungener Weg zum Islam. Narrabila Verlag, Hannover 2015. 164 S., 8,- €.

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