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Extremistengruppen : Zur Zukunft des Terrors

  • -Aktualisiert am

aufgenommen am 23. Juni 2014 in Mosul, Irak Bild: AP

Peter R. Neumann will keine Panik erzeugen, erwartet aber, dass auf dem „Nebenschauplatz“ Europa die Bedrohung durch Dschihadisten weiter ansteigen wird.

          Seit der offiziellen Proklamation des „Islamischen Staates“ durch den „Kalifen“ Abu Bakr al Bagdadi, der sich selbst Kalif Ibrahim nennt, reißt die Kette der Publikationen über dieses von einer Terrormiliz in Teilen des Iraks und Syriens errichtete Gebilde nicht ab. Der Terrorismusforscher Peter R. Neumann, Professor am King’s College in London, will da nicht abseits stehen. In seiner gut lesbaren und klar strukturierten Studie gibt er nicht nur eine Analyse der Entstehung des islamistischen Terrors, speziell in der Gestalt, die er unter Al Qaida und dem IS angenommen hat, sondern richtet den Blick auch auf die Zukunft.

          Neumann beginnt mit allgemeinen Betrachtungen über Terrorismus. Dabei stützt er sich auf den amerikanischen Terrorforscher David Rapoport und dessen Thesen: Terrorismus habe seit dem 19. Jahrhundert in Wellen die gesamte Moderne begleitet: zunächst unter den russischen, italienischen oder französischen Anarchisten als „Propaganda der Tat“, dann als antikolonialistischer Terrorismus vornehmlich in der dritten Welt (Algerien), inspiriert von Frantz Fanon, doch auch in Irland (IRA) gegen die Briten; schließlich als linker Terror gegen den „Kapitalismus und vermeintlichen Imperialismus“ (Castro und Guevara), in Gestalt der südamerikanischen Stadtguerrilla, der Palästinenser (PLO) sowie der europäischen Neuen Linken (RAF in Deutschland, Rote Brigaden in Italien). Der rechte Terror sei weniger durch den Wunsch nach einem Umsturz des Systems gekennzeichnet als vielmehr durch den Wunsch zur Rückkehr des Alten, wie zuletzt bei dem norwegischen Terroristen Anders Breivik.

          Die heutige Weltsituation ist durch den religiösen Terror gekennzeichnet, eine Erscheinung, die zunächst keineswegs auf den Islam beschränkt war, wenn man an die Attentate und Morde etwa amerikanischer Abtreibungsgegner denkt. Deren manichäisches Weltbild, das nur zwischen „dekadenten Ungläubigen“ und „wahren Gläubigen“ unterscheidet, taucht insbesondere im Salafismus des Islams - und hier vor allem im gewalttätigen Salafismus Al Qaidas, des „Islamischen Staates“ (IS), der al-Nusra-Front und ähnlicher dschihadistischer Gruppierungen, von denen es Dutzende gibt, auf.

          Entstanden sind diese Extremistengruppen zunächst als intellektuelle Abwehr der westlichen Moderne, die über den Kolonialismus und durch eigene, einheimische Eliten in die muslimischen Gesellschaften eindrang. Der intellektuelle Kampf um eine eigene, im Islam, seiner Lehre und Geschichte wurzelnde Identität nach Erlangung der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten, für den die Deobandi-Bewegung in Indien, die salafistische Erneuerungsbewegung und die Muslimbrüder in Ägypten, begründet von Hassan al Banna, militarisiert durch Sayyid Qutb, stehen, artete - begünstigt auch durch das politische und gesellschaftliche Scheitern der neuen Eliten - in die militantesten Formen des Islamismus und Dschihadismus aus, wie sie der IS, Boko Haram und andere Gruppen heute repräsentieren.

          Wie eine Ironie der Geschichte mutet an, dass die bisher einzige islamistische Revolution, die an die Macht gelangte und sich auf Dauer etablieren konnte, die unter Ajatollah Ruhollah Chomeini in Iran gewesen ist. Sie entstand ausgerechnet aus der schiitischen Konfession, wurde also von Muslimen zum Sieg geführt, die von den Salafisten und anderen radikalen Sunniten als „Erzketzer“ angesehen werden, „schlimmer als Christen und Juden“. Dass diesen „Ketzern“ gelang, was Sayyid Qutb oder Abdullah Azzam und Usama Bin Ladin, die Inspiratoren Al Qaidas, ersehnten, erbost die salafistischen Dschihadisten bis heute. Und die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen den sunnitischen Muslimen, den Salafisten militanter Couleur und dem „Westen“, zu dem auch Putins Russland gerechnet wird, hat durch die Konfrontation mit dem schiitischen Islamismus zusätzlich an Brisanz gewonnen. Die mörderischen Ereignisse im Irak und in Syrien, begünstigt durch den Sturz Saddam Husseins einerseits, die Arabellion in Syrien andererseits, zeugen davon.

          Im zweiten Teil seines Buches entfaltet Neumann ausführlich jenes Tableau von Gruppen und Personen, die das Netzwerk der Dschihadisten in den achtziger Jahren, vor allem jedoch seit etwa 2010 geknüpft haben, wobei Usama Bin Ladin nach seiner Überzeugung schon zuvor weniger Einfluss hatte, als westliche Analysen angaben. Sein Nachfolger Aiman al Zawahiri versuchte auch vergebens, die Arabellion zu vereinnahmen. Das Internet half bei der Ausbreitung und Ausweitung der „neuen Dschihadisten“, die plötzlich auch Wort- und Anführer fanden, die in Frankreich, Großbritannien oder Deutschland groß geworden waren und gelebt hatten. Das Ansinnen, die Sunniten in Syrien wie im Irak zu verteidigen, fand Widerhall bei all jenen, die dem Jordanier Abu Musab al Zarqawi sowie Abu Bakr al Bagdadi - dem heutigen „Kalifen“ - folgten, die zunächst weniger den Terror gegen Amerikaner und andere ins Zentrum ihres Handelns stellen wollten, sondern die Errichtung eines sunnitischen Kalifats, als Ausgangspunkt für die Ausbreitung ihrer salafistisch-dschihadistischen Ideen, die eine totale Ablehnung des europäischen Gesellschaftsmodells als Ausgangspunkt und Ziel haben. Auch Tausende aus Europa, und zwar von Großbritannien im Westen bis Russland, folgten ihrem Ruf.

          Der Autor möchte keine Panik erzeugen, sieht jedoch in der Zukunft eher ein Ansteigen des transnationalen, vornehmlich islamistischen Terrorismus als ein Abschwellen. Die jüngsten brutalen Anschläge von Paris haben ihn leider bestätigt. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in den Vereinigten Staaten und dem darauf folgenden „war on terrorism“ hat sich die Zahl der Dschihadisten enorm vervielfacht (der Autor spricht von über hunderttausend). Europa gilt den Dschihadisten als Nebenschauplatz. Er glaubt, dass eine durchdachte und vernünftige Prävention hilfreich sein kann bei dem Versuch, die schlimmsten Folgen einzudämmen. Immer mehr westliche Länder beschritten diesen Weg. Nach David Rapoport ist noch jede Terrorwelle einmal verebbt, weil sich die Bevölkerungen weigerten, den gewalttätigen Utopien radikaler Fanatiker zu folgen und gesellschaftliche wie materielle Errungenschaften aufs Spiel zu setzen. Auch die Mehrheit der Muslime reagiere letztlich nicht anders.

          Peter R. Neumann: Die neuen Dschihadisten. ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus. Econ Verlag, Berlin 2015. 256 S., br., 16,99 €.

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