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Peter Hoffmann: Carl Goerdeler gegen die Verfolgung der Juden : Der Widerstand und die Juden

  • -Aktualisiert am

Bild: picture alliance / IMAGNO/Austri

Der Widerstandsforscher Peter Hoffmann mag nicht akzeptieren, dass Carl Goerdelers Gedanken zum „Judenproblem“ wissenschaftlich als „dissimilatorischer Antisemitismus“ gelten. Er versucht wieder und wieder, seinen „Helden“ gegen dessen Formulierungen in Schutz zu nehmen.

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          Peter Hoffmann hat ein Anliegen. Er möchte Carl Goerdeler gegen wissenschaftliche Interpretationen in Schutz nehmen, die dessen Äußerungen zur „Judenfrage“ im Kontext des modernen Antisemitismus analysieren. Denn damit, so meint Hoffmann, stelle man Goerdeler auf eine Stufe mit den Nationalsozialisten, die seit 1933 eine antijüdische Rassenpolitik betrieben, die im Massenmord mündete. Nun steht außer Zweifel, dass Goerdeler wiederholt gegen die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik seine Stimme erhoben hat. Insofern ist ihm nichts vorzuwerfen. Hoffmann aber möchte mehr. Er will nicht akzeptieren, dass auch in Goerdelers Weltbild, wie es sich in seinen Texten manifestiert, antisemitische Topoi und Stereotype erkennbar sind. Und er möchte nicht sehen, dass diejenigen, die Goerdelers einschlägige Formulierungen zum „Judenproblem“ analysieren, in erster Linie ein Anliegen wissenschaftlicher Differenzierung verfolgen, das Goerdelers moralische Position gegen Hitler und die NS-Politik durchaus nicht leugnet.

          Hoffmanns Abwehrmotiv, im Prolog formuliert, kann als Philippika gegen die moderne Geschichtswissenschaft gelesen werden. Dabei liegen seiner Sicht eine Reihe von Annahmen (manche würden sagen: Vorurteile) zugrunde, die ihn zu offensichtlichen Missverständnissen der jüngeren Forschung führen. Sie lassen sich etwa so zusammenfassen: Wenn Historiker die Weltbilder und die Programme der Verschwörer des 20. Juli analysieren und dabei auch antidemokratische und antisemitische Geisteshaltungen identifizieren, dann - so insinuiert Hoffmann - attestieren sie den Verschwörern dieselben Ziele wie Hitler und den Nationalsozialisten. In dieser Perspektive erscheinen die Äußerungen der Widerständler aufgrund ihrer moralischen Tat nahezu sakrosankt.

          Über dieses wissenschaftsfremdelnde Grundverständnis hinaus verspricht Hoffmanns Buch im Titel anderes, als sein Text dann liefert. Dessen erste Hälfte bietet kaum Substantielles über „Goerdeler und die Judenfrage“. Er hangelt sich, oft im Lexikonstil, an bekannten Ereignissen entlang, bei denen die Verbindung zum Thema vor allem assoziativ bleibt. Der Text bildet keine verbundene Argumentation, aus der kaum mehr deutlich wird, als dass auch Goerdeler ein „Judenproblem“ diagnostizierte, welches er allerdings anders zu lösen gedachte als die Nationalsozialisten. Wenn Hoffmann in den Jahren 1937/38 die „menschenwürdige Auswanderung“ als Ziel von Goerdelers Politik konstatiert, so ist zunächst festzustellen: Auch für Heydrich & Co war 1938 Auswanderung (praktisch: Vertreibung) noch die „Endlösung“. Hier fehlt jene präzise Forschungseinbettung, die Unterschiede herausarbeitet. Stattdessen konstruiert Hoffmann eine Bedeutung der „Judenfrage“ in Goerdelers Schriften, die sich bei umfassender Lektüre schwerlich in der behaupteten Konzentration erkennen lässt. Er zitiert immer wieder den Dreiklang „Judenfrage, Logenfrage, Kirchenfrage“, als ob vor allem das Schicksal der Juden im Zentrum von Goerdelers Denken gestanden hätte. Die bisweilen ermüdende Wiederholung der Begriffe macht das Argument nicht überzeugender.

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