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Paris und die Wiedervereinigung : Dem Élysée tut alles weh?

  • -Aktualisiert am

Staatspräsident Mitterand und Kanzler Kohl im Mai 1993 in Beaune Bild: J.M. Turpin

Frankreich verfolgte unter François Mitterrand die deutsche Wiedervereinigung mit Skepsis - oder sollte sie verhindert werden? Eine merkwürdige Auswahl französischer Akten schafft nur eine Annäherung.

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          Es gibt keinen Platz mehr für Geheimnisse, nicht einmal mehr für ,kleine’.“ So lautet der Tenor des Vorworts einer neuen Sammlung französischer Regierungsdokumente zur Wiedervereinigung Deutschlands. Für die Bearbeiter Maurice Vaïsse und Christian Wenkel liegt die Messlatte des von den Direktoren des Archivs des französischen Außenministeriums und des Deutschen Historischen Instituts Paris initiierten Projekts damit sehr hoch. Gilt die französische Deutschland-Politik doch auch zwanzig Jahre nach den weltgeschichtlichen Ereignissen von 1989/90 weiterhin als zwielichtig. Zwar versuchte Staatspräsident François Mitterrand die Vorwürfe mit einer offensiven Geschichtspolitik zu widerlegen. Seinem Bemühen haftete aber der Makel an, dass nur ausgewählten Forschern Zugang zu den Präsidialakten gewährt und selbst ihnen nur selektives Material vorgelegt wurde.

          Anhand der nun wiedergegebenen öffentlichen Erklärungen des Präsidenten bestätigt die Edition, dass Mitterrand die Wiedervereinigung als „ein berechtigtes Anliegen der Deutschen“ verstand. Von einem uneingeschränkten Ja zur deutschen Einheit waren er und die Regierung aber weit entfernt. Wie Jacques Blot, Direktor der Europa-Abteilung im Außenministerium am Quai d'Orsay, in einer höchst bemerkenswerten Aufzeichnung wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 festhielt, warf das drohende Ende der Teilung Europas „einen riesigen Schatten auf ein Deutschland, das zu mächtig ist, um nicht dominant zu werden, und zu lange verletzt, um nicht das Bedürfnis nach Rehabilitation, ja nach Revanche zu haben“.

          Nach der Bekanntgabe des Zehn-Punkte-Plans von Bundeskanzler Kohl stiegen die Sorgen in Paris beträchtlich an. Natürlich dürfe die deutsche Einheit nur auf friedliche und demokratische Weise verwirklicht werden, ließ Mitterrand verlauten. Selbstverständlich sei ein Dialog der vier Mächte wie auch ein Konsens der beiden deutschen Regierungen notwendig. Natürlich dürften nicht das europäische Gleichgewicht gestört und die Reformpolitik Michail Gorbatschows gefährdet werden. Und vor allem: Vor dem Ende der deutschen Teilung müsse die Vollendung der europäischen Einigung vollzogen sein.

          Mitterrand begnügte sich nicht mit der Rolle des passiven Mahners, er suchte aktiv nach Wegen, den Gang der Entwicklung zu beeinflussen. Anfang Dezember 1989 erinnerte er Gorbatschow bei einem Blitzbesuch in Kiew vieldeutig an den Siegerstatus der ehemaligen Kriegsalliierten. Wenige Tage später schlug er Margaret Thatcher eine britisch-französische Allianz nach dem Vorbild der „Entente cordiale“ vor. Die Protokolle zu den dramatischen Unterredungen sucht man in der Edition notabene vergebens. Ein Abdruck dieser und anderer im Nachlass Mitterrands archivierter Dokumente - etwa zu seinem Staatsbesuch in der DDR Ende 1989 - wurde den Herausgebern von der Rechtsvertreterin des Mitterrand-Archivs verwehrt. Gibt es aber, so fragt sich der erstaunte Leser, in den Akten des Außenministeriums keine Ersatzüberlieferung? Immerhin kann einem Telegramm der Botschafterin Timsit aus Ost-Berlin entnommen werden, dass Mitterrand dort vom „Volk der DDR“ gesprochen hat. Einer Aufzeichnung Blots zufolge gedachte der Präsident offenbar, „die Existenz der DDR und die Legimität ihrer neuen Führer zu festigen“. Als der Ost-Berliner Botschafter Marter am 6. Februar 1990 im Quai d'Orsay vorsprach, wurde ihm bedeutet, dass die französische Haltung „noch nicht festgelegt“ sei. Erst der überraschende Ausgang der Volkskammerwahlen am 18. März ließ Mitterrand einlenken, freilich nicht ohne den Katalog der Vorbedingungen für die Wiedervereinigung nun um drei weitere Punkte zu ergänzen: Anerkennung der polnischen Westgrenze durch die Bundesrepublik, Verzicht Gesamtdeutschlands auf den Besitz von ABC-Waffen und Einbindung in die Nato.

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