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Otto Klepper : Wie Frau von P. Herrn K. bewundert

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Haus mit Zeitungsgeschichte: Blick auf die Frankfurter Biebergasse in der Nähe der Börsenstraße Bild: F.A.Z. Archiv

Von den Nationalsozialisten verfolgt, floh Otto Klepper 1933 ins Exil. Über Finnland, China und Frankreich gelangte er nach Mexiko, verlor aber niemals das Schicksal Deutschlands aus den Augen.

          Biographische Studien haben immer dann ihren besonderen Reiz, wenn das Individuum in die historischen Strukturen und Prozesse eingebettet wird, wenn das Allgemeine der Geschichte im konkreten Einzelfall gespiegelt wird. In diesem Sinne hat Astrid von Pufendorf ein eindrucksvolles Buch über den preußischen Finanzminister Otto Klepper geschrieben, der ein wichtiger Protagonist in drei zentralen Phasen der deutschen Zeitgeschichte war. Geboren 1888, machte er nach einem Studium der Rechtswissenschaften und Kriegsdienst eine rasche Karriere in verschiedenen agrargenossenschaftlichen Organisationen der Weimarer Republik und wurde 1928 Präsident der „Preußenkasse“, des Zentralinstituts der regionalen genossenschaftlich organisierten Banken im Agrarsektor. 1931 wurde er Finanzminister in Preußen und damit unmittelbarer Zeuge des Staatsstreiches vom 20. Juli 1932, als die Reichsregierung unter Franz von Papen die geschäftsführende preußische Regierung unter der Führung des Sozialdemokraten Otto Braun rechtswidrig absetzte. Der sogenannte „Preußenschlag“ gilt bis heute als wichtiger Schritt im Prozess der Zerstörung der Weimarer Demokratie.

          Die Autorin schildert nachdrücklich das Bemühen Otto Kleppers um den Erhalt der preußischen Unabhängigkeit und deutschen Demokratie, das aber angesichts der resignierenden Passivität des Ministerpräsidenten Braun und des Innenministers Carl Severing (SPD) ohne Erfolg blieb. Sie ist überzeugt davon, dass der Untergang der Weimarer Republik hätte vermieden werden können, wenn die Spitzen der preußischen Politik im Sommer 1932 nicht Braun und Severing, sondern Klepper gefolgt wären.

          Von den Nationalsozialisten verfolgt, floh Klepper 1933 ins Exil. Über Finnland, China und Frankreich gelangte er nach Mexiko, verlor aber niemals das Schicksal Deutschlands aus den Augen. Bereits früh plante er für die Zeit nach dem Nationalsozialismus ein politisch wie wirtschaftlich und kulturell im Westen verankertes Deutschland. Insbesondere in Paris bemühte er sich, die vielen deutschen Emigranten in der „Deutschen Freiheitspartei“ zu sammeln. Ziel sollte ein freies, demokratisches Deutschland in einer engen deutsch-französischen Kooperation sein. Auch verschiedene Zeitschriftenprojekte dienten diesem Ziel. Kleppers Aktivitäten wurden durch die deutsche Invasion in Frankreich 1940 jäh beendet. Nur mit Mühe gelang ihm die Flucht nach Mexiko. Auch hier engagierte er sich politisch. Gemeinsam mit dem ehemaligen Reichsminister Erich Koch-Weser (DDP), der in Brasilien Zuflucht gefunden hatte, versuchte er erfolglos, eine deutsche Exilregierung zu gründen.

          Umso enttäuschter war der Exilant nach seiner Rückkehr nach Deutschland. Er fand keinen Zugang zu den neuen politischen Eliten des sich formierenden westdeutschen Staates. Das lag gewiss auch daran, dass er zeit seines Lebens nie einer politischen Partei beigetreten war, obwohl er in starkem Maße politisch aktiv war. Er engagierte sich nun in der „Wirtschaftspolitischen Gesellschaft von 1947“ (Wipog), einer Vereinigung von Unternehmern, Handelskammervertretern und Wirtschaftswissenschaftlern, die für eine marktwirtschaftlich-liberale Wirtschaftsordnung in Deutschland eintraten. Von der Wipog ging auch die Initiative zur Gründung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus, deren erster Geschäftsführer Klepper 1949 wurde. Schon bald kam es zwischen Geschäftsführung und Redaktion zu Auseinandersetzungen um die politische Ausrichtung der Zeitung. Frustriert zog sich Klepper zurück, zumal auch die Wipog der Zeitung ihre Unterstützung bald verweigerte.

          Seine Haltung zum westdeutschen Staat blieb skeptisch. Aus seiner Perspektive war das Bonner Parteienspektrum lediglich eine Restauration der Weimarer Republik. Er selbst strebte eine „klassenmäßige Synthese“ an, eine Gesellschaft, die durch eine staatlich geschützte Marktwirtschaft die Klassengrenzen überwindet. In außenpolitischer Hinsicht sympathisierte er mit der von Jakob Kaiser vertretenen Brückenkonzeption eines neutralen, ungeteilten Deutschlands zwischen den Blöcken. Klepper starb - politisch isoliert - im Mai 1957.

          Das Buch ist die überarbeitete Version einer Dissertation, die 1997 publiziert wurde. Die Neuausgabe soll ein breiteres Publikum ansprechen, denn Klepper könne auch heute noch ein „Vorbild sein“. In diesem Duktus ist die Biographie geschrieben. Sie gerät in manchen Kapiteln geradezu zu einer Apologie Kleppers, der aus Sicht der Autorin als Visionär verkannt und zu Unrecht angefeindet und politisch isoliert wurde. Dies irritiert ebenso wie die durchgehende Bezeichnung Kleppers als „Herr K.“ oder einfach nur „K“ in Anlehnung an die Brechtschen Keuner-Parabeln. Zudem entgeht ihr bisweilen, dass die Ideen Kleppers nicht immer so originell waren, wie sie glaubt. Insbesondere die Vorstellungen von der Überwindung der Klassengesellschaft durch eine staatlich geschützte Marktwirtschaft oder die im Exil entworfenen Konzeptionen für eine deutsch-französische Verständigung im Rahmen der europäischen Integration spielten auch andernorts eine wichtige Rolle.

          Die Arbeit macht deutlich, welche individuellen Schicksale hinter der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen und dass es insbesondere in der Schlüsselsituation in den Jahren 1932 und 1933 durchaus Handlungsoptionen gegeben hat, die, wären sie genutzt worden, die Katastrophe verhindert hätten. Sie macht zudem auf eine Persönlichkeit aufmerksam, die bislang kaum beachtet wurde. Das ist kein geringes Verdienst.

          Astrid von Pufendorf: Mut zur Utopie. Otto Klepper - ein Mensch zwischen den Zeiten. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2015. 374 S., 14,80 €.

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