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Oswald von Nell-Breuning : Von erstaunlicher Aktualität

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Pater Oswald von Nell-Breuning am 8. März 1991 in Frankfurt am Main Bild: dpa

Der 1991 in Frankfurt am Main verstorbene Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning lehnte den „entfesselten Kapitalismus“ ab und setzte sich für die Lohnabhängigen ein.

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          Der Jesuitenpater Oswald von Nell-Breuning gehörte seit den fünfziger Jahren zu den deutschen Intellektuellen, die sozialpolitischen Kontroversen eine entscheidende Richtung zu geben vermochten. Mitbestimmung, Rentendiskussionen und die Debatte über Investivlöhne sind ohne ihn nicht vorstellbar. Von ihm als profiliertem Vertreter der katholischen Soziallehre aber zu verlangen, dass von seinen zahlreichen Veröffentlichungen „konkrete Vorschläge“ zur Lösung aktueller Probleme zu erwarten seien, wie es die Zeithistorikerin Christiane Kuller moniert, wäre zu viel verlangt.

          Nell-Breuning ist besonders interessant, weil er auf Probleme reagierte, sie benannte, aber nicht endgültig lösen wollte. Als Diskutant und Publizist beteiligte er sich grundsätzlich an sozialpolitischen Debatten, befeuerte sie und setzte sich mit Gefahren, Tendenzen und Möglichkeiten seiner Zeit auseinander. Er beeinflusste seit den fünfziger Jahren die sozialpolitische Entwicklung entscheidend, nicht immer zur Freude der Bonner Regierungen. Denn er verkörperte mehr als den von Wirtschaftshistorikern so oft beschworenen „rheinischen Kapitalismus“.

          1890 geboren, wurzelte er zunächst tief im Kaiserreich. Prägend waren sozialpolitische Debatten der Weimarer Republik. Dabei ging es früh um den Ausgleich zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft, um das Verhältnis von Kapital und Arbeit und die Bewältigung von Krisen und Umbrüchen, nicht zuletzt um Reaktionen von Staat, Gewerkschaften und Kirche auf Unsicherheit, Umbrüche und soziale Not. Nell-Breuning wurde früh zum Kritiker des „entfesselten Kapitalismus“, war aber niemals Gegner einer Wirtschaftsweise, die auf Profit zielte.

          Er war überzeugt, dass allein wirtschaftliche Prosperität und Gewinn die Sicherheit der Lohnabhängigen, die man wegen ihrer prekären Lage und unsicheren Zukunft damals „Angstarbeiter“ nannte, vergrößern konnte. Einer Verdammung der Erwerbswirtschaft setzte Nell-Breuning sein Konzept einer „christlich-solidaristischen Gesellschaftsordnung“ entgegen. Dies bedeutete, Kapital und Arbeit als gleichberechtigt zu akzeptieren. Wirtschaft und Produktion deutete er als „soziale Beziehung“ und begnügte sich nicht mit der Hoffnung auf einen nur fürsorglichen „Versorgungsstaat“. Privatisierung der Gewinne bei gleichzeitiger Sozialisierung der Pleiten lehnte er deshalb entschieden ab.

          Manche seiner Zitate sind von erstaunlicher Aktualität. Die Beiträger eines Sammelbandes, der auf eine Tagung anlässlich des 125. Geburtstages Nell-Breunings zurückgeht, vermeiden die Gefahr, die in fast 2000 Abhandlungen kondensierten Überlegungen des Sozialphilosophen, Sozialethikers und Sozialpolitikers in wirtschafts-, politik- und kulturkritischen Zitaten auszuschlachten: Das wäre in der Tat ein Missbrauch des Versuchs gewesen, soziale, wirtschaftliche und politische Veränderungen im 20. Jahrhundert theologisch und politisch-praktisch zu reflektieren. Nell-Breuning argumentierte immer zeitbedingt und visionär-zukunftsoptimistisch. Er riss mit und konnte zugleich Widerspruch provozieren.

          Fünfzehn paarweise angeordnete Beiträge rücken die Substanz seiner Bemühung in den Blick, grundlegende sozialpolitische Fragen im Rückgriff auf zentrale Aspekte seines Wollens zu beleuchten. Sie wollen überdies prüfen, ob die von Nell-Breuning vorgeschlagenen Lösungswege angesichts der aktuellen Schulden-, Banken- und Verschuldungskrisen weiterführen. Hier fällt das Urteil der Autoren zurückhaltend aus. Alle Verfasser entgehen der Gefahr einer Überhöhung des Gewürdigten, aber auch der Versuchung, mit der Überheblichkeit des Nachlebenden über ein beeindruckendes Gesamtwerk zu urteilen.

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