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Oswald von Nell-Breuning : Von erstaunlicher Aktualität

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Den Ehrentitel eines „großen Soziallehrers“ (so Willy Brandt), eines Nestors der Sozialpolitik, gar eines „Mythos“ spricht dem bedeutenden Jesuiten niemand ab. Dessen Bedeutung als „Mahner“ und „Aussöhner“, als „Übersetzer, der unterschiedliche Zeiten miteinander ins Gespräch brachte“, wird sogar bestätigt. Auch wird seine besondere Leistung anerkannt, durch das Nachdenken über den Kapitalismus und dessen Krisen den Spagat zwischen Tradierung und Traditionsbildung, zwischen Infragestellung und Sozialreform zu bewältigen.

Dies konnte nur gelingen, weil Nell-Breuning Betriebe und Produktion als „soziale Beziehung“ analysierte. Dadurch unterschied er sich vom Freiburger Ordo-Liberalismus, dessen Anhänger sich in seinen Augen zu sehr auf die marktwirtschaftliche Preisbildung durch ein - nicht durch Kartelle - bestimmtes Wechselverhältnis von Angebot und Nachfrage konzentrierten. Ihm ging es nicht um Preisbildung, sondern um Menschenwürde im Betrieb. Er fragte nach der innerbetrieblichen Machtverteilung; er wollte innerbetriebliche Machtbildung durch die Anerkennung der Arbeiterschaft als einem gleichberechtigten Partner des Kapitals und der Unternehmer. So setzte er sich nicht nur für Vermögensbildung durch Beteiligung der Arbeiter am Produktivvermögen ein, sondern plädierte für eine paritätische Unternehmensverfassung. Er reflektierte über gerechten Lohn und beleuchtete die Konsequenzen für das Tarifvertragssystem.

Grundlage seines sozialpolitischen Denkens blieben Subsidiarität und Solidarität; deshalb lehnte er „reine Vorsorge“ ab und verlangte verantwortungsvolle Mitbeteiligung auch derjenigen, die Fürsorge benötigten. Maximierung des Unternehmensgewinns und des am Shareholder Value ausgerichteten betriebswirtschaftlichen Denkens lagen ihm deshalb sehr fern. Es verwundert nicht, dass Nell-Breuning bei den Gewerkschaften hohes Ansehen genoss. Entscheidenden Einfluss aber konnte er vor allem in den fünfziger Jahren auf die damalige Diskussion über die dynamische Rente nehmen. Nur bei Produktivität war Wachstum zu gewährleisten. Zugleich aber war auch die gegenseitige Verantwortung der Generationen gesellschaftlich zu verankern, damit die Renten sicher blieben.

Es ist nicht überraschend, dass Nell-Breuning sich manche Entwicklungen nicht vorstellen konnte, die heutige Verteilungskämpfe zwischen Generationen, Geschlechtern, Staaten und Ethnien prägen. Aber ist es für einen Denker, einen Visionär, einen Sozialphilosophen abträglich, wenn er die Dynamik der Lebensverhältnisse, die Globalisierung, Individualisierung und Technisierung nicht präzise voraussah? Entscheidend bleibt, dass in seiner Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit Maßstäbe, Ziele und Maximen spürbar bleiben, die auch für Nachlebende stilbildend und handlungsprägend wirken, weil sie nicht allein auf individualistische Gewinn- und Glücksmaximierung abzielen, sondern Gesellschaft als Zusammenhalt denken und fördern.

Nell-Breuning bekannte sich zu Grundsätzen von Moral und Sittlichkeit im Wirtschaftsleben, zum Subsidiaritäts- und Solidaritätsprinzip. Ohne gegenseitige soziale Verantwortung war Zusammenleben nicht denkbar. Dabei bestand er auf der Verpflichtung zur Selbstbeschränkung. Schrankenlose Bereicherung lehnte er im Unternehmen wie im Staat ab. Insofern war er ein Ordnungsdenker - und unterscheidet sich damit von Thomas Piketty, wie Mitherausgeber Bernhard Emunds deutlich macht. Nell-Breuning ging es nicht um die Einkommensverteilung, sondern um die Verhinderung von asymmetrischer Macht durch ein paritätisches Verhältnis von Kapital und Arbeit -

Bernhard Emunds/Hans Günter Hockerts (Herausgeber): Den Kapitalismus bändigen. Oswald von Nell-Breunings Impulse für die Sozialpolitik. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2015. 276 S., 29,90 €.

Der Jesuitenpater lehnte den „entfesselten Kapitalismus“ ab und setzte sich für die Lohnabhängigen ein.

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