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Organisierte Unterdrückung : Die „Republik der Angst“

  • -Aktualisiert am

Saddam Hussein während einer Militärparade am 31. Dezember 2001. Bild: Reuters

Über die Schwierigkeit, ein multiethnisches und multikonfessionelles Land zu beherrschen.

          Dieses Buch, so kündigt es jedenfalls seine Autorin an, besteht aus zwei Büchern: eines, in dem sie ihren eigenen theoretischen Beitrag zur Entstehung politischer Identitäten leisten will, und ein anderes, in dem sie die Realgeschichte der irakischen Gesellschaft unter Saddam Hussein erzählt – unter dem Gesichtspunkt von Unterdrückung, Anpassung und Widerstand. Um mit dem zweiten Buch zu beginnen: Es stellt die Frage, warum gerade das irakische politische System so überaus unterdrückerisch, autoritär, ja totalitär war, welche Schwierigkeiten sich diesem System in den Weg stellten und warum es sich trotz all dieser Schwierigkeiten so lange halten konnte.

          Das Baath-Regime im Irak kam 1968 durch einen Putsch an die Macht. Ziemlich bald schälte sich Saddam Hussein als sein starker Mann heraus, 1979 wurde er Präsident. 1972 wurde die größte Ölgesellschaft des Landes verstaatlicht; gekoppelt mit dem Ölpreisschub von 1973 vervielfachte das die Einkünfte des Staates. Das ermöglichte die Modernisierung der Wirtschaft. Breitgestreute soziale Wohltaten für die Bevölkerung sorgten so für deren Loyalität. Das wurde aber gefährdet: Der irakisch-iranische Krieg, der entgegen aller Erwartungen des Regimes acht Jahre dauerte, sowie der Ölpreisverfall seit 1986 fraßen enorm an diesen Ressourcen und demzufolge an der politischen Stabilität. Golfkrise und Golfkrieg 1990/91 sowie die darauffolgenden harschen internationalen Sanktionen schnitten noch tiefer in den sozialen Bestand ein – mit allen Folgen für die politische Lage. Erst seit Mitte der neunziger Jahre erholte sich das Land als Folge des Oil-for-Food-Programms wieder leicht.

          Die hohen Erwartungen aus den siebziger Jahren wurden enttäuscht; die daraus resultierende gesellschaftliche Unruhe wurde durch immer härtere Unterdrückung im Zaum gehalten. Die zentrale These des Buchs betrifft nun den Mechanismus, mit dem die irakische Bevölkerung bei der Stange gehalten werden sollte: Sowohl Belohnung als auch Bestrafung mussten möglichst gezielt erfolgen. Dazu musste die Information über Loyalität und Illoyalität präzise sein. Je weiter ein Bevölkerungsteil geographisch, sprachlich und kulturell vom Regime entfernt war, umso schwerer und kostspieliger wurde solche präzise Information. Und je spärlicher die Ressourcen flossen, umso weniger Wohltaten konnten verteilt werden – und umso wichtiger wurde Bestrafung. Hier greift nun die ethnisch-geographische Heterogenität des Landes. Der Norden, wo vor allem Kurden leben, und der Süden mit seiner mehrheitlich schiitischen Bevölkerung waren vom Zentrum aus schwerer zu „lesen“ als die weitgehend sunnitisch-arabische Mitte des Landes. Je unpräziser die Information, desto ungezielter, desto kollektiver die Unterdrückung – und damit auch die Reaktion darauf: Protest, Rebellion, Verstärkung des sozialen Zusammenhalts der jeweiligen ethnischen oder religiösen Gruppe. Dieser Zusammenhalt musste vorher bei aller Heterogenität des Landes nicht da sein – der genannte Mechanismus schuf ihn.

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