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Organisierte Kriminalität : Nehmt ihnen das Geld!

Ein Beamter der Polizei mit sichergestellten Gegenständen nach einer Razzia in einer Wohnung eines Mitglieds einer arabischen Großfamilie. Bild: dpa

Großfamilien aus dem arabischen Sprachraum sorgen für Unsicherheit. Was kann man tun?

          4 Min.

          Kurz nach der Wende saß die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John an einem „runden Tisch“ zusammen mit fünf Albanern und fünf Vertretern der aus dem Libanon stammenden Volksgruppe der Mhallami. Frau John warb für Recht und Moral, die Männer hörten interessiert zu. Vorausgegangen waren Auseinandersetzungen auf Berliner Straßen zwischen beiden Volksgruppen wegen verweigerter Schutzgelder. Barbara John habe auf die Männer eingeredet, schreibt der Migrationsforscher Ralph Ghadban, der bei dieser „surrealen Szene“ damals dabei war, in seinem Buch „Arabische Clans – Die unterschätzte Gefahr“. Doch die Teilnehmer, gewaltbereite Schwerkriminelle, hätten kaum Sinn für ihren Vortrag gehabt. Es ging um einen Bandenkrieg. Und für den sind Polizei und Justiz zuständig.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mit „schönen Worten“ zur Integration ist Banden und Clans nicht beizukommen, das schildert Ghadban, der 1972 aus dem Libanon nach Deutschland kam, eindringlich. Sein Buch, 304 Seiten lang, ist kein Werk für den schnellen Überblick. Detailliert erläutert er den Familienbegriff im Islam, erklärt Stammeskultur und Patriarchat und zeichnet die Geschichte der libanesisch-kurdischen Gruppe der Mhallami bis zur Migration nach Deutschland nach. Die historische Einbettung ermöglicht so eine intensive Annäherung an das Phänomen „Clan“, das Abschottung als Lebens- und Erfolgsprinzip versteht und in der öffentlichen Wahrnehmung nur auftaucht, wenn Spezialkräfte der Polizei Wohnungen und Shisha-Bars stürmen.

          Der promovierte Politologe Ralph Ghadban, ehemaliger Sozialarbeiter und Leiter der Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks in Berlin, weiß, wovon er schreibt. Leidenschaft für den Kampf des Rechts prägt, wie einst im Buch der Berliner Richterin Kirsten Heisig „Das Ende der Geduld“, seine Schilderungen, oft auch unverhohlen Verbitterung. Vor allem wenn es um die parteiübergreifende Ideologie geht, die seiner Meinung nach der Polizeiarbeit immer wieder dazwischengrätscht: Der „Multikulturalismus“ begünstige die kriminellen Machenschaften der Clans seit Jahren, zeige sich in laschen Urteilen, mangelnder Strafverfolgung und der Weigerung, das Kind beim Namen zu nennen: Nur Niedersachsen, das einzige Land, das laut Ghadban konsequent gegen Clankriminalität vorgeht, erarbeitet demnach ein polizeiliches Lagebild mit Listen der entsprechenden Großfamilien. In Nordrhein-Westfalen werde erst jetzt, nach dem Regierungswechsel, ein ähnlicher Weg beschritten, Berlin hingegen weigere sich, den Begriff der Clankriminalität zu verwenden, und beharre „auf der alten ideologischen Politik von Multikulti“. Aus dem Multikulturalismus, ursprünglich als Abschaffung der Unterschiede und damit der Diskriminierung gedacht, ist somit laut Ghadban inzwischen eine „Politik der Anerkennung der Differenz“ geworden. Das Feindbild laute Assimilation: Alle Unterschiede sollen bestehen bleiben – auch diejenigen, die westlichen Werten zuwiderliefen.

          Viele dieser „Unterschiede“ haben nach Ghadbans Schilderungen die Mhallami Ende der siebziger Jahre mit nach Deutschland gebracht: das Herabschauen auf die „Ungläubigen“, woraus die Missachtung von Recht und Gesetz resultiert. Und die Diskriminierung der Frauen, wesentliches Element für Aufbau und Fortbestand der Clans. Durch Zwangsehe und Gewalt in Schach gehalten, sind Frauen für die Geburt möglichst vieler Kinder da, um die Großfamilien immer größer und mächtiger werden zu lassen. Laut Ghadban hat gerade die restriktive Ausländerpolitik in den achtziger Jahren mit Arbeitsverboten und der Abschaffung von Sozialleistungen dazu beigetragen, die Integration der Flüchtlinge zu erschweren. Durch diese „Maßnahmen der Abschreckung“, um Wirtschaftsflüchtlinge abzuhalten, hätten sich die Flüchtlinge die Werte der „Gastgesellschaft“ kaum aneignen können. „Es war eine verpasste Chance.“

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