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Opportunismus : Maßhalten!

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Für die einen sind Opportunisten prinzipienlose Anpasser, die nur den eigenen Vorteil suchen, für die anderen sind sie findige Meister im Ergreifen von Chancen. Dieser Zweideutigkeit spürt Jonas Helbig in seiner glänzenden Studie nach.

          Gelegenheit macht Diebe, manchmal auch Liebe - wie der Volksmund weiß: Wer sie ergreift, wird bewundert oder geringgeschätzt, je nach Sicht auf die Gunst der Stunde(n). Für die einen sind Opportunisten prinzipienlose Anpasser, die nur den eigenen Vorteil suchen, für die anderen sind sie findige Meister im Ergreifen von Chancen. Dieser Zweideutigkeit spürt Jonas Helbig in seiner glänzenden Studie nach, die den Opportunismus in Kriminologie und Strafrecht, in der Ökonomie und in der Politik historisch seziert. Der Gelegenheitsverbrecher durfte im Laufe des 19. Jahrhunderts auf eine gewisse Nachsicht hoffen, nicht aber der Gewohnheitsverbrecher. Helbig stellt die „fundamentale Dreiteilung“ im deutschen Strafrecht in Übertretungen, Vergehen und Verbrechen heraus. Aus Opportunität, deren Weg zum Opportunismus kurz sei, könnten Taten als „erheblich“ verfolgt oder als „unerheblich der Vergessenheit“ überliefert werden; geringe Schuld und öffentliches Interesse seien Zentralbegriffe der Opportunität; es gehe um Funktionsfähigkeit und Handlungsmöglichkeiten des „bürgerlichen Staates“: Schutz vor Überlastung und Ansehensverlust des Justizapparates.

          Der von Ökonomen beschriebene Opportunist erinnere mitunter stark an den Gelegenheitsverbrecher, schreibt Helbig. Obwohl der Effizienz gehuldigt werde, würde bei wirtschaftlichen Entscheidungen zwischen dem moralischen und dem opportunistischen Element unterschieden: „Das Schimpfwort Opportunismus entlarvt sich als Chiffre für die offenen Flanken einer Moral. Es impliziert eine Machtrelation, bei der die günstige Gelegenheit des Beschimpften zugleich der verwundbare Punkt des Schimpfenden ist.“ Im Bereich der Politik galt lange das Diktum von Lord Granville, dass es sich beim „Opportunismus um die Bevorzugung der Zweckmäßigkeit gegenüber dem Prinzip“ handele. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich der Terminus zum Schimpfwort für das „Hängen der eigenen Fahne nach dem Wind“. Im Anschluss an Machiavelli müsse zwischen dem Opportunismus „im kleinen Stil“ - bestimmt von Zweckrationalität, vom „Spagat zwischen Möglichem und Unmöglichem“ - und dem Opportunismus „im Großen“, bei dem ein Politiker Privatangelegenheiten über Staatsangelegenheiten stelle, differenziert werden. Eine wirksame Politik komme nicht ohne eine maßvolle Portion Opportunismus aus. Und Dogmatismus rutsche „bei hoher, heute kaum noch zu vermeidender Wertkomplexität zwangsläufig in bloße Willkür, in maßlosen Opportunismus“ ab, warnt Helbig.

          Jonas Helbig: Der Opportunist. Eine Genealogie. Verlag Wilhelm Fink, Paderborn 2015. 326 S., 24,90 €.

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