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Opfer der DDR : Widerstand im Keim ersticken

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Gedenkstätte Bautzen Bild: dpa

In der Hochzeit des Stalinismus führten oft Denunziationen zu Verhaftung oder auch Tod. Später dienten angebliche „staatsfeindliche Hetze“, „versuchter illegaler Grenzübertritt“, das heißt ein Fluchtversuch, oder etwa Wehrdienstverweigerung als Begründungen für Verfolgung und Haft.

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          Es gibt Bücher, deren Essenz sich in der berühmten Zeile aus dem Gedicht „Requiem“ von Anna Achmatowa „Ich wollte sie alle mit Namen nennen“ wiederfindet. Seit dem Untergang der DDR sind zahlreiche Berichte von Opfern politischer Gewalt erschienen. Dennoch berührt jede Schilderung des Erlebten und Erlittenen aufs Neue, so wie die 32 biographischen Porträts, die Nancy Aris, eine Dresdener Historikerin, zusammengetragen hat. Sie berichten von Frauen und Männern, die Opfer politischer Verfolgung und Gewalt in der DDR wurden. Die Biogramme basieren auf Interviews, die die Autorin im Jahr 2010 geführt hat. In ihrer kondensierten Form gehen die Schilderungen nicht selten an die Grenze der Vorstellungskraft. Die Verfolgungsschicksale decken alle Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in der SBZ/DDR ab. Der Schwerpunkt liegt mit zwanzig Biographien auf den ersten fünfzehn Jahren nach Kriegsende, die von besonders brutalen Repressionen gekennzeichnet waren. Sie reichen von der mit 18 Jahren nach Sibirien zur Zwangsarbeit verschleppten Else Thomas über die im gleichen Alter zum Tode verurteilte Margot Senf (verheiratete Jann). Letztere quält bis heute die Frage, warum sie selbst begnadigt, während ihre beste Freundin mit 17 Jahren erschossen wurde. Zu lesen ist etwa über Eberhard Hoffmann, der sich als 17-jähriger angeblicher Werwolf in einem der berüchtigten sowjetischen Speziallager wiederfand, über Wolf Roßberg, der als 13-Jähriger die Enteignung und Deportation seiner Familie miterlebte, oder über Alexander Latotzky, der im sowjetischen Speziallager zur Welt kam. Als seine Mutter 1950 der DDR-Strafjustiz übergeben und in das Frauenzuchthaus Hoheneck überführt wurde, landete Latotzky mit etwa 40 anderen Kindern in einem Heim, ohne dass die inhaftierten Mütter erfuhren, was mit ihren Kindern geschehen war.

          Die Verfolgungsschicksale der 1960er bis 1980er Jahre zeigen den Wandel der Repression. Diese war bald nicht mehr so offen brutal wie in den Anfangsjahren, dafür aber nicht weniger effizient. Die Biographien verdeutlichen, wie wenig in der angeblich so „kommoden Diktatur“ ausreichte, um verfolgt und verhaftet zu werden. Der Jugendlichen Sabine Popp brachten ein paar selbstgefertigte Flugblätter sowie Graffiti fünf Jahre Zuchthaus ein. Rocco Schettler bezahlte seinen Protest gegen die Einführung des Wehrkundeunterrichts mit einem Urteil zu viereinhalb Jahren Zuchthaus. Während in den frühen Berichten die „Lagertrias“ – so Nancy Aris – aus „Hunger, Kälte, Ungeziefer“ die Schilderungen dominiert, sind es in den späteren Jahren die Methoden der psychischen Zersetzung. Unabhängig von der Verfolgungszeit zieht sich die Erfahrung von Isolation und die Ungewissheit über das eigene Schicksal sowie das der Familien wie ein roter Faden durch alle Berichte. Oft erfuhren auch die Angehörigen über Monate nicht, was mit den Verhafteten geschehen war und wo sie sich befanden. Stasi und DDR-Justiz wussten die Instrumente anzuwenden, die heute als „weiße Folter“ bezeichnet werden.

          In der Hochzeit des Stalinismus führten oft Denunziationen oder erfundene Vorwürfe zu Verhaftung oder auch Tod. Später dienten angebliche „staatsfeindliche Hetze“, „versuchter illegaler Grenzübertritt“, das heißt ein Fluchtversuch, oder etwa Wehrdienstverweigerung als Begründungen für Verfolgung und Haft. Auch wenn sich die Methoden änderten, in ihrem Kern wandelte sich die staatliche Repression nicht: Es ging darum, abweichendes Verhalten oder gar Widerstand gegen die kommunistische Diktatur im Keim zu ersticken.

          Neben den Erfahrungen von Verfolgung und Haft werden in den Berichten immer wieder Momente beschrieben, die den Verhafteten Lebensmut und neue Kraft gaben. Für die Verfolgten der frühen Jahre gehörte dazu, sich zum ersten Mal wieder satt zu essen, die erste Nachricht von zu Hause zu erhalten oder nach Monaten in abgedunkelten Zellen zum ersten Mal wieder den Himmel zu sehen und frische Luft zu atmen. Die Berichte aus allen Jahrzehnten dokumentieren, wie wichtig es war, auf Gleichgesinnte zu treffen und menschliche Solidarität und Zusammenhalt zu erleben.

          Der Band wird durch ein Glossar ergänzt, in dem Begriffe und historische Sachverhalte verständlich erläutert werden. Diese reichen vom Bautzener Häftlingsaufstand über die Bodenreform bis hin zu den Sowjetischen Militärtribunalen und den Zivilverschleppten. Im Vorwort schreibt Nancy Aris, sie wolle die Erinnerungen der Verfolgten bewahren. Ihr gelingt dabei viel mehr: Die Biogramme spiegeln die Essenz der SED-Diktatur wider, die ohne massive Repression sowie deren allgegenwärtige Androhung nicht hätte vier Jahrzehnte existieren können.

          Nancy Aris: Das lässt einen nicht mehr los. Opfer politischer Gewalt erinnern sich. Schriftenreihe des Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017. 454 S., 14 ,– €.

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