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Josef Stalin : Furcht als Herrschaftsinstrument

Zum 135. Geburtstag Stalins: Auf dem Roten Platz in Moskau Bild: Picture-Alliance

Stalin ist - und wird es wohl immer bleiben - die Verkörperung einer Kombination aus dem Unerklärlichen mit einer großen Prise Horror. Dieses Sujet hat etwas Unwiderstehliches. Und so liest sich die Biographie von Oleg Chlewnjuk auch meistens spannend.

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          Spontan ist man geneigt zu sagen, lange nichts gehört von Josef Stalin. An Biographien herrscht ja wahrlich kein Mangel. Aber Oleg Chlewnjuk erhebt den Anspruch, eine wirklich neue Lebensbeschreibung des Tyrannen zu liefern. Und in der Tat gehört er zu der ersten Historikergeneration, die sich ihrem Forschungsgegenstand nicht mehr ausschließlich mit den Methoden der „Kreml-Astrologie“ nähern musste. Er konnte sich auf viele Quellen stützen, die zuvor nicht zugänglich waren. Den Erkenntniswert von Erinnerungen relativiert Chlewnjuk gleich zu Anfang. Zwar haben viele Beteiligte Memoiren hinterlassen. Aber systembedingt waren sie alle so auf Geheimhaltung getrimmt, dass es in der Tat verwunderlich wäre, wenn sie sich in Tagebüchern und ähnlichen Dokumenten offen und ehrlich geäußert hätten.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Als Ergebnis bleibt, trotz aller neuen Quellen, auf mehr als 500 Seiten Text die vergleichsweise banale Erkenntnis, dass Stalins wichtigstes Herrschaftsinstrument die Furcht war. Das spricht in keiner Weise gegen den Autor. Aber der „Titelheld“ des Buches war offenbar wirklich ein im Grunde schlichtes Gemüt. Nicht dass er - wie manche Biographen gerne behauptet haben - ein ungebildeter Tölpel gewesen wäre. Josef Stalin war vielmehr durchaus belesen. Aber er neigte in allen Lebenslagen zu Vereinfachungen. So lehnte er in der Zeit der „Neuen Ökonomischen Politik“ in den zwanziger Jahren selbst die taktischen Zugeständnisse, die Lenin im Interesse eines wirtschaftlichen Aufschwungs machte, ab.

          Chlewnjuk schildert Stalin als ideologischen Überzeugungstäter. Dieser hatte allerdings im Revolutionsjahr 1917 für sich in Anspruch genommen, einen „kreativen Marxismus“ zu vertreten, und sich damit (seiner Meinung nach) von „Dogmatikern“ abgegrenzt. Wenn man so will, hat er dieses Konzept sein ganzes politisches Leben lang verfolgt. Wenn freilich andere „kreativ“ wurden, konnten sie sehr schnell im Lager oder vor einem Erschießungskommando enden.

          Dieses Buch handelt vom Einfluss des Faktors Mensch auf die Geschichte. Von vielen Stalin-Apologeten in Vergangenheit und (russischer) Gegenwart wird dieser Einfluss systematisch kleingeredet. Die extremste Position dieser Denkschule sieht in Stalin sogar einen schwachen Diktator, weil angeblich der riesige Staatsapparat der Sowjetunion ein Eigenleben geführt habe, das gar nicht zu steuern gewesen sei. Dem hält Chlewnjuk entgegen, dass es keine wichtige Entscheidung gegeben habe, die nicht von Stalin getroffen worden sei. In Kombination mit der von der Propaganda verbreiteten Aura des „Woschd“ (Führers) festigte dies seine nun wirklich absolute Macht.

          Trotzdem hat Stalin offenbar nicht jedes Verbrechen begangen, das ihm gemeinhin zugeschrieben wird. In den Mord an dem Leningrader Parteisekretär Kirow im Jahre 1934 sei der Woschd nicht verwickelt gewesen, schreibt Chlewnjuk. Aber selbst wenn, wäre das eine „seiner harmlosesten Taten“ gewesen. Im Falle der großen Hungersnot des Jahres 1932 schließt sich Chlewnjuk nicht der vor allem in der Ukraine propagierten These an, Stalin habe gezielt die Ukrainer ausgehungert. Vielmehr führt er diese Katastrophe auf die ideologische Fixiertheit Stalins zurück, der erwiesenermaßen von Wirtschaft nichts verstanden habe.

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