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Nach dem Ende : Das Imperium ist nicht nur böse

1975 konnten die „Sowjetmenschen“ noch problemlos nach Jurmala ans Meer. Heute liegt das in Lettland Bild: Ullstein

Für das offizielle Russland ist es immer noch ein schwieriges Thema. Wie es nach der Sowjetzeit weiterging - Einsichten von Martin Aust.

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          Bei den jüngsten Protesten in Georgien trugen viele der jungen Demonstranten T-Shirts mit der Aufschrift: „20 Prozent meines Landes sind von Russland besetzt.“ Im russischen Internet machte daraufhin ein Meme mit dem Spruch „20 Prozent meines Imperiums sind besetzt“ die Runde, das eine Landkarte zeigte, auf dem die nichtrussischen ehemaligen Sowjetrepubliken bunt eingefärbt waren. Die untergegangene Sowjetunion wird in Russland heute offen als Imperium bezeichnet. Ihr Ende haben große Teile der russischen Gesellschaft noch immer nicht verwunden. Und unter regimetreuen Politiker und Denkern ist es eine Art Lehrsatz, dass es über alle historischen Brüche hinweg Russlands Mission sei, ein Imperium zu sein, und dass es nur als Imperium bestehen könne. So positiv die Bedeutung dieses Begriffs in Russland ist, so negativ ist sie bei seinen unmittelbaren Nachbarn. Dort bestimmt die Ablehnung des imperialen Anspruchs Russlands das Verhältnis zu Moskau.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Der Osteuropa-Historiker Martin Aust löst sich in seinem Buch „Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991“ von dieser auch im deutschen Sprachgebrauch weitverbreiteten wertenden Bedeutung des Begriffs und versucht ihn als analytische Größe für das Verständnis der Entwicklung seit dem Ende der Sowjetunion nutzbar zu machen. In einer Zeit, in der die Debatte über Russland in der deutschen Öffentlichkeit sehr polarisiert ist, will er durch die Befreiung von „den dämonischen Vorstellungen des bösen Imperiums“ die Vielschichtigkeit der dort ablaufenden Prozesse sichtbar machen. Damit möchte er auch den Blick von der Reizfigur Putin weg- und auf langfristige Strukturen hinlenken, die für Russland und unser Verhältnis zu ihm auch dann noch prägend sein werden, wenn der heutige Präsident einmal Geschichte ist.

          Aust schreibt angenehm nüchtern, ihm geht es um Verständnis, nicht um Positionierung. Er legt dabei Schichten des Verhältnisses der Russen zu ihrem Imperium frei, die vom aggressiven Großmachtgetöse in den russischen Staatsmedien heute oft verdeckt werden, die aber gleichwohl noch immer gegenwärtig sind. Im Gedächtnis vieler Russen ist das sowjetische Imperium weniger mit militärischer Größe als mit nostalgisch verklärten Alltagserfahrungen verbunden: „Der imperiale Raum erschien in diesen Erinnerungen nicht als politischer, sondern als sozialer und touristischer Raum.“ Auch bedeutete das Ende der Sowjetunion für viele Russen anfangs weniger einen Verlust als vielmehr „auch die Befreiung von der Bürde, russisches Geld in den Umverteilungshaushalt der Sowjetunion zu stecken“. Vor allem die Unabhängigkeitsbewegungen in Zentralasien und dem Kaukasus wurden als Form der Undankbarkeit verstanden.

          In verschiedenen Phasen der nachsowjetischen Geschichte sah auch der Umgang mit dem imperialen Erbe aus Zarenreich und Sowjetunion unterschiedlich aus. Seit Mitte der Nullerjahre gewann parallel zum wieder klar formulierten politischen Großmachtanspruch auch die Vorstellung einer eigenen zivilisatorischen Mission Russlands wieder mehr Gewicht, die über das Land hinausreicht – etwa im Begriff „russische Welt“, zu der alle gehören sollen, die irgendwie mit der russischen Kultur verbunden sind. Gleichzeitig ist auch für den heutigen russischen Staat noch nicht geklärt, ob er auf dem Weg zu einem Nationalstaat ist oder ob es sich dabei um eine Art geschrumpftes Imperium handelt. Aust schreibt, es sei eine klare Tendenz hin zu einem Selbstverständnis als Vielvölkerreich erkennbar. Darüber kann man angesichts der Zurückdrängung der nichtrussischen Sprachen diskutieren. Allerdings fügt sich das in einen Prozess ein, den Aust beschreibt: Moskau bemüht sich einerseits, immer tiefer in die Regionen hineinzuregieren, während gleichzeitig in manchen Regionen, vor allem in Tschetschenien, seine Durchgriffskräfte schwinden. „Die Geschichte Russland ist eine stete Auseinandersetzung von zentralisierender Macht und regionalem Eigensinn“, schreibt Aust.

          Der schwächste Teil seines Buchs ist das Kapitel, in dem er das Verhältnis Russlands zu Moldau, Georgien und der Ukraine darstellt. Bedauerlicherweise fehlt gerade hier die analytische Tiefe, die den Rest des Bandes auszeichnet. Dabei wäre es am Beispiel dieser Länder besonders interessant, die Zwiegesichtigkeit des einstigen Imperiums im Umgang mit den nichtrussischen Völkern aufzuzeigen. „Auch Imperien machen Integrationsangebote und räumen Autonomien ein“, heißt es im Einführungskapitel. In jeder dieser drei Sowjetrepubliken sah das anders aus – was bis heute Folgen für ihr Verhältnis zu Russland hat. Und es wäre spannend gewesen, wenn Aust die Beobachtung weiter ausgeführt hätte, an Putins Ukraine-Politik sehe man „seinen taktischen Umgang mit dem imperialen Erbe Russlands und der Sowjetunion“.

          Gegen Ende verliert der schmale Band die argumentative Stringenz des Anfangs und flacht stellenweise zu einer reinen Nacherzählung der jüngsten Geschichte Russlands und einiger seiner Nachbarn ab. Aber das ändert nichts daran, dass Aust ein sehr lesenswertes Buch gelungen ist, das den Blick weitet.

          Martin Aust: Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991.

          C.H. Beck Verlag, München 2019. 190 S., 14,95 .

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