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Österreich : Ein SS-Brigadeführer als FPÖ-Chef

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Eine österreichische Flagge weht am 08. Oktober 2014 nahe Grän (Tirol) vor dem Alpenpanorama Bild: dpa

Im Österreich nach 1945 hatten die Alliierten drei Parteien genehmigt: ÖVP, SPÖ und KPÖ. Im „Verband der Unabhängigen“ sollten all jene zusammengefasst werden, die nach Herkunft und Gesinnung weder bei Schwarz noch bei Rot eine echte politische Heimat finden konnten.

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          Lothar Höbelt hat 1999 eine umfangreiche Monographie über den „Verband der Unabhängigen“ vorgelegt: „Von der vierten Partei zur dritten Kraft. Die Geschichte des VdU.“ In einer Rezensionsnotiz dieser Zeitung hieß es dazu, der Leser müsse eine gehörige Portion Wissen über die Geschichte Österreichs mitbringen, um überhaupt etwas zu verstehen. Das gilt in etwas milderer Form auch für den vorliegenden Band mit Dokumenten.

          In der Einleitung erwähnt Höbelt seine Geschichte des VdU, um gleich hinzuzufügen, „die soll hier nicht noch einmal nacherzählt werden“; der Leser erhalte „das Rohmaterial serviert“. Und die Anmerkungen hätten „bloß den Zweck, diverse zum Verständnis dienliche Informationen nachzuliefern“. Das ist doppelt betrüblich. Um überhaupt etwas mehr zu verstehen, hätte es einer ausführlicheren Einleitung und detaillierterer Anmerkungen bedurft! Ein Problem liegt dabei zum Teil in der Überlieferung des Materials. Es gibt kein zentrales Archiv des VdU, die vorliegende Sammlung besteht aus zufällig erhaltenen und gefundenen Briefen und privaten Nachlässen, die Höbelt mit viel Mühe zusammengetragen hat. Eine durchgehende, verständliche Linie fehlt.

          Worum geht es? Im Österreich nach 1945 hatten die Alliierten drei Parteien genehmigt: ÖVP, SPÖ und KPÖ. Im VdU sollten all jene zusammengefasst werden, die außerhalb dieser drei Parteien standen und die nach Herkunft und Gesinnung weder bei Schwarz noch bei Rot eine echte politische Heimat finden konnten. Die Initiative dafür ging von Herbert Kraus aus, Sohn eines kaiserlichen Generals, ein Pragmatiker, kein Parteimann. Von sich selbst sagte er einmal 1949: „Wir Österreicher sind alle in irgendeinem Winkel unseres Herzens Monarchisten und großdeutsch, im Sinne des Alten Reiches.“ Die Aufgabe des VdU formulierte er so: „Wenn wir morgen eine Linksmehrheit haben, haben wir übermorgen eine Volksdemokratie. Und die ÖVP schafft die Rechtsmehrheit allein nicht mehr. Die Opposition ist schon zu stark und verhärtet.“ Und: „Da muss irgendetwas existieren, was der ÖVP zur Erlangung der Rechtsmehrheit zu Hilfe eilen kann.“ Ein Sieg der SPÖ würde sich zur „ Staatskatastrophe“ entwickeln. Kraus wurde dann noch deutlicher: Er habe den Verband gegründet, um alle rechts stehenden Elemente zu erfassen und somit eine marxistische Mehrheit zu vereiteln.

          Beim Verband galt das „Prinzip der Unabhängigkeit“. Wer sich auch in der NS-Zeit als „anständiger Mensch, obschon NS, bewährt hat, kann jetzt auch zu uns kommen.“ Das galt auch sonst für ehemalige Nationalsozialisten, „sofern er nur heute wirklich ein Österreicher sein will“. Schon bald galt der VdU als Sammelbecken ehemaliger NSDAP-Mitglieder und erzielte bei der Nationalratswahl 1949 dann 16 Mandate (ÖVP 77, SPÖ 67, KPÖ 5), 1953 waren es 14. Aber es kam zu keiner Regierungsbeteiligung. Angedacht war „ein flotter Dreier“ (Höbelt), den die Sozialisten entschieden ablehnten. SPÖ-Vizekanzler Adolf Schärf meinte, die Große Koalition sei eine Zwangsehe, aber die ÖVP könne ihre Konkubine nicht in den gemeinsamen Haushalt mitbringen. Weitere Erfolge blieben aus, zumal die Flüsterparole über die Verbandsleitung hieß: „Ich will Minister werden.“ Das beschleunigte den Fall des VdU.

          Höbelt beklagt das „rigid-humorlose Parteiengesetz“ in der Bundesrepublik Deutschland. Beim VdU war das anders: Dessen lockere Organisationsstruktur förderte Abspaltungen. Für eine dieser Gruppen war am 27. Januar 1955 klar, „dass bei aller Anerkennung der Verdienste des VdU eine erfolgreiche ,Dritte Kraft‘ nur durch die Bildung einer neuen Organisation, in der alle Verbände und Gruppen unter Verzicht auf ihr Eigenleben aufgehen müssen, entstehen könne“. Angeführt wurde diese Bewegung vom ehemaligen SS-Obersturmführer Friedrich Peter, von Emil van Tongel und vor allem von Anton Reinthaller. Der war beim „Anschluss“ 1938 für 48 Stunden im Kabinett Seyß-Inquart Minister für Landwirtschaft und Forsten gewesen, anschließend bis 1945 Unterstaatssekretär in Berlin, SS-Brigadeführer, Träger des Goldenen Parteiabzeichens der NSDAP. Am 3. November 1955 gab es die FPÖ, Reinthaller wurde wenig später bei der konstituierenden Sitzung zum ersten Vorsitzenden gewählt. Herbert Kraus sprach von der Machtübernahme durch einen Kreis von ehemaligen NS-Führern.

          Trotz mancher Lücken ist die Sammlung interessant für jene, die mehr über den VdU und die Vorgeschichte der FPÖ wissen möchten.

          Lothar Höbelt (Herausgeber): Aufstieg und Fall des VdU. Briefe und Protokolle aus privaten Nachlässen 1948-1955. Böhlau Verlag, Wien 2015. 346 S., 49,- €.

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