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NS-Unrecht : Der richtige falsche Mann

Auf dem Weg in den Gerichtssaal: Der greise John Demjanjuk Bild: dapd

Der Fall Demjanjuk war ein Meilenstein der juristischen Aufarbeitung.

          4 Min.

          Es muss eine sonderbare Atmosphäre gewesen sein auf dem betongrauen Vorplatz des Münchener Landgerichts. Ein unüberschaubares Gedränge von Journalisten, Schaulustigen und Holocaust-Überlebenden aus aller Welt zwischen Ü-Wagen und überforderten bayerischen Polizisten. Mittendrin der amerikanische Rechtsprofessor Lawrence Douglas, der sich das historische Ereignis nicht entgehen lassen wollte. Ein Schild „Demjanjuk-Sammelzone“ wies den Punkt aus, zu dem sich die Menge durch einen Pferch hin treiben lassen musste. „Das Einzige, was fehlt, sind die Eisenbahngleise“, kommentierte einer die unweigerliche Erinnerung an eine Deportationssammelstelle.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Als hätten die deutschen Behörden beweisen wollen, dass sie nicht mehr so furchterregend effizient sind, begann der Münchner Prozess gegen John Demjanjuk im Chaos. Der Justiz war offenbar sehr daran gelegen, aus dem Fall ein ganz gewöhnliches Verfahren zu machen. Ein Anliegen, das scheitern musste, schließlich hatte Demjanjuk schon Jahrzehnte zuvor in Amerika und Israel Justizgeschichte geschrieben. Lawrence Douglas hat die Rechtswege in diesem Fall nun in einem anschaulichen Buch zusammengetragen und liefert so einen neuen Blick auf die Geschichte der Verfolgung von NS-Verbrechen in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Israel.

          Als ukrainischer Bauernsohn kam Iwan Demjanjuk 1920 zur Welt. Er überlebte als Kind die Hungersnöte durch Stalins Zwangskollektivierung und wurde im Sommer 1941 von der Roten Armee eingezogen, doch schon im Mai 1942 geriet er in deutsche Gefangenschaft. Nach dem Krieg verdingte er sich in Süddeutschland als Lkw-Fahrer für die Amerikaner, bis er 1952 ein Visum für die Vereinigten Staaten bekam. Dort änderte er seinen Vornahmen in John, erhielt eine Anstellung bei Ford in Cleveland und lebte ein beschauliches Leben als gesetzestreuer Amerikaner. Es hätte ein amerikanischer Traum werden können, wäre nicht Jahrzehnte später, 1975, ein republikanischer Senator an eine Liste von 70 in den Vereinigten Staaten lebenden Ukrainern gekommen, die sich in ihrem früheren Leben an Kriegsverbrechen beteiligt haben sollen. Auf der Liste fand sich der Name Iwan Demjanjuk, einstmals Wachmann im NS-Vernichtungslager Sobibor.

          Es war eine Zeit, in der sich die amerikanische Öffentlichkeit langsam bewusst wurde, dass ihr Land im antikommunistischen Eifer der Nachkriegsjahre unzählige Helfer der Nazis willkommen geheißen hatte, die nun amerikanische Bürger waren. Eine strafrechtliche Verfolgung der Täter kam allerdings nicht in Frage, da amerikanische Staatsanwälte nur Taten ahnden konnten, die entweder auf amerikanischem Boden oder an Amerikanern begangen worden waren, was auf die Opfer von Sobibor nicht zutraf – hier waren Hunderttausende europäischer Juden vergast worden. Und ähnlich ihren deutschen Kollegen scheuten sich die Ermittler, neue Wege zu gehen, wie sie es noch in den Nürnberger Prozessen getan hatten. Was blieb, war allein, den Tätern die amerikanische Staatsbürgerschaft abzuerkennen – und das nicht etwa weil sie grausame Verbrechen begangen hatten, sondern weil sie ihre Taten im Einbürgerungsverfahren verheimlicht hatten.

          Douglas beschreibt in seinem Buch anschaulich, wie damals die Vorläufer des Office of Special Investigations (OSI) gegründet wurden, in denen ein paar überforderte und im Kompetenzgerangel zerriebene Juristen die historischen Fälle aufarbeiten sollten. In einem vielstufigen Verfahren mit unzähligen Rechtsmitteln bis hinauf zum Obersten Gerichtshof sollten sie den Verdächtigen erst die Staatsbürgerschaft entziehen und dann in einem zweiten Verfahren die Ausweisung erwirken. Es sei bei einem Amerikaner leichter, merkt Douglas an, ihn lebenslang hinter Gitter zu bringen, als ihm die Staatsangehörigkeit abzuerkennen und ihn auszuweisen.

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