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Notabene DDR : Lexikon und Lesebuch

Farben und Symbol der ehemaligen DDR-Fahne auf der Felge eines Autoreifens. Bild: dpa

Kein „klassisches“ Lexikon. Aber man lernt einiges über die eigentümliche Sprache der Diktatur.

          2 Min.

          Zum schnellen Nachschlagen eines Begriffes erscheint vielen ein gedrucktes Lexikon wie ein Relikt aus lange vergangenen Zeiten. Das vorliegende Buch ist jedoch kein Klein-Brockhaus für ein spezielles Interessengebiet. Es nennt sich im Untertitel „historisch-kritisches Lexikon“. Und es taugt – ausreichendes Interesse für die untergegangene DDR einmal vorausgesetzt – auch als Lesebuch. Ein klassisches Nachschlagewerk über den zweiten deutschen Staat hätte beispielsweise kaum einen Begriff wie „Firma“ aufgenommen. Das war im DDR-Sprachgebrauch nicht irgendein „volkseigener“ Betrieb, sondern eine der Bezeichnungen für das gefürchtete Ministerium für Staatssicherheit.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Die DDR, die mittlerweile schon eine Generation von Deutschen nicht mehr aus eigenem Erleben kennt, feiert auf diesen knapp 350 Seiten nicht etwa fröhliche Auferstehung. Vielmehr tritt sie uns in allen ihren Facetten gegenüber. Dies natürlich säuberlich alphabetisch geordnet, was zwangsläufig manche Zusammenhänge auseinanderreißt, was sich aber in einem Lexikon schwerlich vermeiden lässt.

          „Amtliche“ Begriffe wie „Freie Deutsche Jugend“ oder „Freier Deutscher Gewerkschaftsbund“ finden sich in allen Werken über die DDR. Wirklich wertvoll wird dieses Buch aber durch die Aufnahme von Stichwörtern wie „Aluchips“ oder „Asche“. Erstere bezeichnen das Münzgeld der Mark der DDR, das so leichtgewichtig daherkam wie die dahinterstehende Währung. „Asche“ wiederum war die Bezeichnung für die Nationale Volksarmee, in Anspielung auf die Farbe der Uniform. Offiziell hieß die Zeit bei der „Asche“ dagegen „Ehrendienst“. Den hatte jeder zu leisten, vor allem diejenigen, die es im offiziellen Gefüge des „Arbeiter- und Bauernstaates“ zu irgendetwas bringen wollten. So jemand war dann sehr wahrscheinlich auch Mitglied in mindestens einer „Massenorganisation“, von denen die DDR viele im Angebot hatte. Zu diesen „Massenorganisationen“ zählte zum Beispiel auch die „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST). Hinter dieser vergleichsweise harmlosen Bezeichnung verbarg sich aber eine Organisation, die der Staats- und Parteiführung als eine Art vormilitärisches Ausbildungszentrum für junge Männer diente. Während der Begriff „Wehrsport“ im Westen auf Neonazis hinwies, war er in der DDR Bestandteil des GST-Angebots.

          Kritischere Geister konnten sicher sein, dass ihre aus Sicht der Führung mangelhafte Einstellung zum Staat in ihrer „Kaderakte“ deutlichen Niederschlag gefunden hatte. Das führte, besonders in der Endphase der DDR, zu einem deutlichen Anstieg der Fälle von „Republikflucht“. Und während sich die alten Herren (Frauen wurden trotz offizieller Gleichberechtigung noch weniger als im Westen für würdig befunden, politische Macht auszuüben) in der Staats- und Parteiführung noch geistig an dem Satz festhielten, dass den Sozialismus in seinem Lauf „weder Ochs noch Esel“ aufhalten könnten, hatte sich die wirkliche Welt längst weitergedreht.

          Das alles sind Ereignisse, die gerade in einem Jubiläumsjahr wie 2020 oft erzählt werden. Für einen verständlichen Einblick in die für Jüngere vermutlich reichlich skurril anmutende Welt des „real existierenden Sozialismus“ taugt dieses Buch allemal.

          Der Autor ist Germanist, der sich wissenschaftlich mit der unterschiedlichen Sprachentwicklung in Ost und West beschäftigt hat. Dies hat auch der intensive Konsum westlicher Fernsehprogramme in der DDR nicht verhindern können. Und wenn man der Meinung ist, auch das gehöre zum historischen Erbe, das nicht dem Vergessen anheimfallen sollte, ist auch dieses Buch ein bescheidener Beitrag zur Einheit.

          Ein Begriff wie „Bückware“ – begehrte, aber nicht ausreichend vorhandene Waren, gerne an bevorzugte Kunden weitergegeben – war im „Wirtschaftswunder-Westen“ bis zur Vereinigung weitgehend unbekannt. Dieses und ähnliche Phänomene bezeichnen präzise das, was (hoffentlich) in Ost und West niemand vermisst.

          Horst Dieter Schlosser: Notabene DDR. Ein historisch-kritisches Lexikon.

          Weißensee Verlag, Berlin 2020. 349 S., 19,90 .

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