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Nicht nur Nostalgie : Von der Last, ein Imperium zu sein

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Nostalgie? Erinnerung an den gemeinsamen Sieg im Zweiten Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau Bild: EPA

Putin trauert der Sowjetunion nach. Das und mehr muss in Rechnung stellen, wer das heutige Russland verstehen will.

          Staaten haben Interessen. Sie wollen überleben. Deshalb misstrauen sie einander. Starke Staaten haben andere Möglichkeiten als schwache, deshalb suchen die Schwachen den Schutz der Starken, Imperien haben andere Interessen als Nationalstaaten, ganz gleich, welchem politischen System sie ihre Existenz verdanken. Alles Handeln steht in Traditionen, Gewohnheiten und Zwängen, die man nicht zu seiner freien Verfügung hat. Das internationale Staatensystem ist anarchisch, weil es keinen Leviathan gibt, der die Konflikte entscheidet, die in ihm entstehen können. Manchmal genügt ein Blick auf die Landkarte, um zu verstehen, welche Möglichkeiten sich für manche Staaten eröffnen und welche nicht. Diese Wahrheit ist in den vergangenen Jahren vor allem in Westeuropa in Vergessenheit geraten. Die Außenpolitik des Westens beruhe auf europäischen Werten, auf universalen moralischen Grundsätzen, sagen jene Außenpolitiker, die sich für die Verkörperung des Gewissens halten. Aber bemerken sie, dass sie selbst es sind, die sich die Entscheidung darüber anmaßen, was in den internationalen Beziehungen als universaler Grundsatz gelten darf?

          Wir haben vergessen, dass die Außenpolitik von Staaten auch geopolitischen Zwängen folgt, wenngleich sie auf unterschiedliche Weise legitimiert wird. In den Vereinigten Staaten gibt es für solche Zusammenhänge kein Gespür, weil die Folgen amerikanischer Interventionen andernorts bewältigt werden müssen. Moral in der Außenpolitik kann sich leisten, wer auf Zwänge keine Rücksicht nehmen muss und die Folgen seines Handelns nicht zu spüren bekommt. In Russland versteht sich von selbst, dass alles, was die Nachbarn tun und was man selbst tut, eine Wirkung hat, deren Schwingungen auch Jahre später noch zu spüren sind. Hier weiß jeder, dass es eine Last sein kann, Imperium zu sein. Das ist das Thema Gerard Toals, der am Beispiel der Konflikte zwischen Russland und seinen Nachbarn zeigen möchte, warum das Konzept der Geopolitik uns hilft, besser zu verstehen, was Staaten tun.

          Nun weiß auch Toal, dass Geographie nicht Schicksal ist. Es geht vielmehr darum, wie Staaten die Welt sehen, wie sie sie ordnen und aus welcher Kultur sie ihre Strategien schöpfen. Und deshalb, so könnte man Toals Argument zusammenfassen, wird in Russland manches nicht nur anders gesehen, sondern auch anders gehandelt. Die geopolitische Kultur eines Landes ist von den Machtstrukturen und ihren Traditionen geprägt. Im Westen ist es das Konzept der Freiheit, des Rechtsstaates, der Demokratie oder der Aufklärung, das begründen soll, warum manche Interventionen anderen überlegen sind. In Russland ist es die Autokratie, der Machtstaat und das Imperium. Beide Konzepte sind Versuche, die Welt zu ordnen und in überschaubare Räume einzuteilen, in denen sinnvoll gehandelt werden kann.

          Toal spricht von affektiver Geopolitik. Die menschliche Vernunft ist gestimmt, sie ruht in dem Gefühl, dass das, was man tut, richtig ist, ganz gleich, ob es vor dem Universalismus bestehen kann. Millionen Sowjetbürger sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass das Imperium ein organischer Körper, ein ewiger, heiliger Ort sei. In seinem politischen Zentrum aber kannte man immer schon die eigene Schwäche, die mangelnde Kontrolle und die überdehnten Grenzen, die Fragilität der Macht. Das Imperium war schwach, weil es groß war, seine zur Schau gestellte Allmacht nur Fassade, hinter der sich Furcht vor dem Zusammenbruch verbarg. Davon wusste man im Westen weniger als in Moskau. Aus solchen Missverständnissen aber kommen die großen Fehlentscheidungen.

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